Leserbrief

Gaffende Zeugen

Zum Artikel „Gelungene Architektur und einige Schönheitsfehler“ vom 8. Juni:

Wie schön! Ein neues Haus für die Sammlung der Meisterwerke deutscher und europäischer Moderne und Gegenwart! Offen! Lichtdurchflutet! Groß, Brücken, Terrassen und so weiter und so weiter. Viel und schön geredet – schön geredet – beispielsweise die bedeutungsvolle Idee, die Skulpturen und Plastiken ohne Sockel mit uns Besuchern auf Augenhöhe zu stellen.

Aber warum so viele Werke auf so engem Raum? Müsste der Auftrag der Kuratoren (lat. curare „Sorge tragen“, „sorgen um“) nicht lauten: Wir schaffen für die Besucher eine Präsentation, die ihnen einen selbstgewählten Raumabstand sowohl vor dem Gemälde als auch rund um die Plastik/Skulptur ermöglicht, um das Betrachten und Auseinandersetzen mit dem betreffenden Werk zu gewährleisten? Stattdessen: Die Meisterwerke von Manet, Bacon und dann Rodin, Marini, Lehmbruck etc., auf die man doch so stolz ist, wurden absichtlich dicht an dicht gruppiert zugunsten kuratorischer Ideen, die Situationen „wie im richtigen Leben“ widerspiegeln sollen: Besucher mischen sich unter die „Menschenmenge“, werden zu „gaffenden Zeugen“ historischer Momente oder nehmen an „der Überfülle apokalyptischer Schreckensbilder“ teil. Hat sich da möglicherweise die Sorge um die gegenwärtige Idee des jeweiligen Kurators in den Vordergrund gedrängt? Sprechen denn die einzelnen – wie gesagt – Meisterwerke nicht für sich? Wie schade!

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/2K171Ra