Leserbrief

„Geschäftsmodell gerät ins Wanken“

Zum Thema „Brexit“:

Stellen Sie sich vor, das eigentliche Ziel des Brexit sei die Zerstörung der EU. Dann bekäme das vermeintliche britische Chaos plötzlich einen Sinn. Es wäre gleichgültig, ob es einen Ausstieg mit oder ohne Vertrag gibt. Auch das scheinbar sinnlose Gezerre des britischen Parlaments, das den Frieden an der nordirischen Grenze gar nicht zu interessieren scheint, würde verständlich. Wichtig ist nur, die EU hinzuhalten.

Die EU tappte vor dem Stichtag des Austritts völlig im Dunkeln. Geruhen die Briten nun endlich auszutreten oder nicht? Der neuerliche Antrag der Briten, den Austritt verschieben zu wollen, ohne zu sagen, wie lange, sprach eine eindeutige Sprache. Vielleicht bleiben die Briten auch ganz in der EU. Die Briten haben das Heft des Handelns in der Hand, sie bestimmen den Ablauf der Dinge. Die EU hingegen ergeht sich in überbordender Fürsorge um die ach so „armen“ Briten. Also hat das britische Chaos am Ende doch Methode? Fest steht, je länger das Gezerre um den Brexit dauert, desto schwerer ist der Schaden für die EU.

EU als neues Empire

Vielleicht reicht es sogar jetzt schon, unter fleißiger Mithilfe europäischer Nationalstaatler, um das Totenglöcklein für die EU zu läuten. Nutznießer wären die USA und die Briten. Zur Erinnerung, Blut ist dicker als Wasser. Dies gilt auch für die anglo-US-amerikanische Verwandtschaft. Beide Seiten sind in der Herrschaft über andere Völker geübt. Beide Seiten sind daran gewöhnt, auf Kosten anderer zu leben. Doch die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Das britische Empire verlor seine Bedeutung und das amerikanische Geschäftsmodell der „Welthandelsagentur“ ist arg ins Wanken geraten.

So stießen die USA nicht nur bei Trump, sondern schon vorher bei Obama massiv mit dem Kopf an die Decke der Staatsverschuldung, Umso begieriger träumt die anglo-amerikanische Verwandtschaft davon, die EU als ihr neues Empire zu beherrschen. Trump, Pompeo, Grenell und Genossen haben uns ja schon mit Kostproben für ihren zackigen Führungsstil und den zukünftigen Umgang mit uns versorgt.

Und im Übrigen, glauben Sie wirklich, dass die Briten, wenn sie denn geruhen, in der EU zu bleiben, schlagartig zu loyalen Europäern würden? Viel wahrscheinlicher ist doch, dass die Briten bei einem Verbleib in der EU ihren destruktiven Prozess, die EU gemeinsam mit den USA von innen her zu demontieren, weiterführen werden. (Martin Lietz, Sinsheim)

Sicher hängt nicht nur mir das „Brexit-Gedöns“ allmählich zum Hals heraus! Das Rumeiern auf der Insel hat seinen Unterhaltungswert inzwischen eingebüßt. Aber ich möchte gerne weitere gute Nachrichten aus EU-Land vernehmen, wie dass alle 27 Staaten der britischen Premierministerin mal klarmachen „wo’s langgeht“. Frau May andererseits könnte es ganz locker zu unsterblichem Ruhm bringen und Geschichte schreiben: Pobacken zusammenkneifen und verkünden:

1. London nimmt die Austrittserklärung nach Art. 50 EU Vertrag zurück

2. Es gibt ein zweites Referendum

3. Rücktritt vom Amt des Premierministers

Wie das praktisch gehen soll? Ganz einfach: zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Vom 23. bis zum 26. Mai sind Europawahlen. In diesem Zeitrahmen wählen die Engländer, Schotten, Waliser und Nordiren nicht nur ihre Europa-Abgeordneten, sondern für sie gibt es noch einen Extra-Umschlag für ein Ja oder Nein zum Brexit. Ich fände das toll, auch wenn sich jetzt Staatsrechtler und andere Geistesgrößen die Haare raufen...

Man wird ja als „Rest-Europäer“ wohl noch träumen dürfen! (Helga Rinecker, Mannheim)