Leserbrief

Geschichte interpretiert zu Lasten der Ehrlichkeit

Zum Leserbrief „Hambach lebt wieder im Geiste von 1832“ vom 12. Mai:

Ich kann dem Leserbrief von Herrn Hanselmann nur zustimmen. Historiker tun sich wahnsinnig schwer damit, Geschichte aus ihrer Zeit heraus ehrlich darzustellen. Sie biedern sich dafür sehr gerne der jeweils herrschenden politischen Meinung an und biegen die Geschichte dann so zurecht, dass sie mit ihren Thesen auch ja nirgends anecken.

So wird von Bismarck zu Hitler eine Linie gezogen, dass man meinen könnte, Hitler sei nach Bismarck unvermeidlich gewesen. Dabei hat Bismarck das Deutsche Reich als saturiert bezeichnet und nicht vom Lebensraum im Osten fabuliert. Jeder Historiker müsste auch wissen, dass, wenn Friedrich III., ein sehr liberal eingestellter deutscher Kaiser, der 1888 nach 99 Tagen verstorben ist, länger gelebt hätte, die deutsche Geschichte wohl anders verlaufen wäre wie unter seinem Sohn Wilhelm II.

Heute ist es gerade für deutsche Historiker opportun, in jedem Winkel deutschen Lebens zwischen 1933 und 1945 nachzuweisen, dass dort alles böse war. Ich möchte ganz sicher nicht die Untaten des Dritten Reichs in Schutz nehmen, aber wir wissen das jetzt und das gefühlt 10 000. Buch zu diesem Thema verkündet keine wirklich neuen Erkenntnisse mehr.

Wissenschaft hat die Aufgabe, einen Sachverhalt nüchtern und ausgewogen darzustellen. Dazu sind aber viele deutsche Historiker, zu denen ich auch Professor Münkler zähle (ich weiß, er ist eigentlich Politologe, hat sich aber vieler historischer Themen angenommen), nicht in der Lage, weil sie Geschichte unter politischen Vorgaben interpretieren zulasten der Ehrlichkeit.

Deshalb mussten dann auch verunglimpfende Vokabel über die Organisatoren und Redner des „Neuen Hambacher Festes“ verwendet werden, was in diesem Fall völlig unnötig war, aber Einseitigkeit klar markierte.

Damit geht jeder wissenschaftliche Anspruch verloren. Die, die sich in Geschichte auskennen, verlieren das Vertrauen in die professionelle Geschichtsschreibung, die das unterstützt. Universitätshistoriker müssen sich die Frage stellen, ob sie sich der politisch opportunen Geschichte verschreiben wollen oder ob sie ehrlich Geschichte aus ihrer Zeit heraus darstellen und interpretieren wollen.

In Deutschland überwiegt ganz klar die erste Gruppe. Das mag ja den Nachwirkungen des Dritten Reichs geschuldet sein. Das wurde aber mittlerweile vor mehr als 70 Jahren oder mehr als zwei Generationen zu Grabe getragen, so dass man den Mut zu einer unverfälschten Geschichtsschreibung so langsam einfordern darf.

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2IGjt80