Leserbrief

Gestalten wird noch schwieriger

Zum Debattenbeitrag „Brauchen selbstfahrende Autos eine eigene Ethik, Herr Grunwald?“ vom 19.1.:

Schon heute stoßen wir in unserer vernetzten und digitalen Welt an Grenzen des Verständnisses und des Steuerns. Für das Miteinander auf der Erde bedeutet das zunehmend schwieriges Gestalten.

Wie viel mehr müssen wir befürchten, dass eine Künstliche Intelligenz (KI) mit allen Fiktionen, die wir in der Jetztzeit auch bloß annähernd vermuten, das System erst recht aus dem Ruder laufen lassen? Die Evolution schreitet weiter, ob der Homo sapiens und seine Artgenossen existieren oder nicht. Meine Vermutung: Wir haben es zwar erkannt, aber nicht verinnerlicht.

Viel beunruhigender beobachte ich, wie das Thema KI immer größere Unterstützung erhält. Was bitte tut KI, wenn sie ihre Geburtsstätte verlassen hat? Verselbstständigt sie sich – allen Unkenrufen zum Trotz, auch wenn immer beteuert wird, dass sie bloß für sich stünde? Und plötzlich merken wir, es geht nicht ausschließlich um das Auto. Es geht um viel mehr. Um die Zukunft des Homo sapiens.

Wird auch er, wie seine Vorgänger, von dem Planeten verbannt – ausgelöscht werden? Mit der Folge, dass es in der weiteren Entwicklung der Evolution keine wissenden Menschen geben wird; alles, wie vor Jahrmillionen, von vorne beginnt! Ginge es einzig um die Vorstellung der Produktionssteuerung, der Entlastung für den Menschen bei niederen Arbeiten, zum Beispiel am Fließband, hart und aufwendig, könnte, ja würde es sicher keinen Dissens geben.

Meine Bedenken liegen weitaus tiefer; im medizinischen, biologischen, chemischen – und, vor allem, militärischen Bereichen. Wissen wir im Hier und Jetzt, was in einigen Jahren noch dramatischer aus dem Ruder laufen wird? Sind wir ernsthaft so sicher davon überzeugt, dass es schon gut gehen wird?

Schauen wir uns die Länder, Regionen der Erde an. Gerade die Zunahme von Gewaltherrschern, die auch dort, wo in denen vergangen Jahren keine Zweifel aufkamen, wieder Fuß fassten, könnte von heute auf morgen die eh fragile Gesellschaften ins Wanken bringen. Despoten, Patriarchaten und Autokraten, Menschen mit dem Anspruch nach Alleinherrschaft und Gier ist alles zuzutrauen.

Machen wir uns nichts vor, in Jahrmillionen der Evolution war es der Homo sapiens, nicht der Homo erectus oder Neandertaler und andere frühe Menschen, der sich die Erde untertan machte. Vom Wildbeuter wurde er zum Ausbeuter. Quasi binnen eines Wimpernschlages, im Verhältnis zur Urgeschichte, hat er nicht nur die Tierwelt und damit das Ökosystem ins Wanken, sondern sich auch in eine Spirale der Abhängigkeit gebracht. Deren Straßen glaubt er nun, nie mehr verlassen zu können; er mutierte aus den ersten Antrieben zum Getriebenen.

Das liegt übrigens schon etwa 15 000 Jahre zurück. Und seitdem dreht sich das Rad der Abhängigkeit immer schneller, mit immer mehr Erklärungen, warum wir dies oder jenes – unumstößlich – tun müssen und/oder benötigten.

Vermeintlich bessere Welt

Dabei, betrachten wir es profunder, werden von uns Menschen bloß neue Geschichten erfunden, die andere Mitmenschen mit auf den Weg, notfalls ins Verderben, nehmen. Ich weiß, es steht bloß bedingt im Kontext mit der Frage: Brauchen selbstfahrende Autos eine eigene Ethik, Herr Grunwald? Aber, wir sollten uns das Hinterfragen nicht verbieten lassen, um nicht noch tiefer in die vermeintlich bessere Welt abzudriften.

Karl-Heinz Schmehr, Lampertheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2CzaGPr