Leserbrief

Gesundheit wieder selbstverständlich

Zum Artikel „Zwei Stimmen, ein Kampf“ vom 21. Dezember:

Beinahe täglich begegnen mir auf meinen Spaziergängen mit meinem Mann, auf Walkingrunden oder beim Einkaufen in unserem Stadtteil Menschen, die von Abstandsregeln oder dem korrekten Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes nicht viel zu halten scheinen. Wenn es zu eng wird, bitte ich auch schon mal darum, Abstand zu mir zu halten und bekomme häufig zu hören, dass das alles total übertrieben sei, ich mich nicht so anstellen oder die Dinge nicht so eng sehen solle. Das frustriert mich, macht mich wütend und traurig zugleich.

Täglich sterben viele Menschen an oder mit COVID-19 und die Zahlen steigen stetig. Ähnlich empfindet das Lisa Lindner, deren Namen in dem Artikel geändert wurde. Gesundheit ist ein stilles Grundrecht, das wir in der Regel als selbstverständlich für uns betrachtet haben. Krank werden die Schwachen, sterben tun die alten Menschen. Wir haben uns daran gewöhnt, Krankheit zu vereinzeln und uns zugleich davon zu distanzieren. Und jetzt kommt eine Krankheit, die nicht nur die Alten und Kranken betrifft, sondern auch jüngere Menschen, die vormals als gesund (was auch immer das ist) galten.

Pflegenden zuhören

Gesundheit ist jetzt nicht mehr selbstverständlich, sondern wir alle müssen etwas für dieses Grundrecht tun. Und dieser Einsatz kostet uns alle etwas nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern es verlangt einen unbedingten Zusammenhalt – und zwar von allen! Nicht nur zu unserem eigenen Schutz, sondern auch zum Schutz der anderen und vor allem, um Pflegekräfte und Ärzte zu entlasten. Das Bittere daran: Viele von ihnen haben die schon lange versprochene Corona-Prämie nicht erhalten. Parallel dazu werden aber genau diejenigen, die über Jahre hinweg mit politischem Eifer die Pflege ökonomisiert, den Stellenabbau von Fachkräften vorangetrieben und somit die Gewinne von Großkonzernen maximiert haben, nun nach einem leistungsfähigeren Gesundheitssystem schreien. Wir sollten Jovana Miladinovic, Lisa Linder und all den Pflegenden, die sich öffentlich zu Wort melden, zuhören.
Inge Werth, Mannheim