Leserbrief

„Glauben ist Voraussetzung für jede Form von Wissen“

Zum Debattenbeitrag „Welche Rolle sollte Religion heute spielen, Herr Möller?“ vom 24. Februar

Ich persönlich kann Philipp Möller in allen Punkten zustimmen. An einer Stelle ist er allerdings ungenau: Unter Punkt Nummer drei spricht er von einem „Selbstbestimmungsparagrafen der Religionsgemeinschaften“. Er meint damit Artikel 140 des Grundgesetztes, der besagt, dass Religionsgemeinschaften ihre Angelegenheiten selbstständig innerhalb des für alle geltenden Gesetzes ordnen und verwalten. Leider haben die christlichen Kirchen es im Laufe weniger Jahrzehnte geschafft, dieses Selbstverwaltungsrecht zu einem sehr weit gehenden Selbstbestimmungsrecht umzuinterpretieren. Hedwig Toth-Schmitz, Gau-Algesheim

Solch ein Sammelsurium von Undifferenziertheiten, Verkürzungen und Verunglimpfungen habe ich in so konzentrierter Form schon lange nicht mehr gelesen. Bei Möller steht scheinbar jedwede Form von Religion unter Generalverdacht. Von der „Narrenfreiheit“, die der Autor den Religionsgemeinschaften unterstellt, macht er selbst reichlich Gebrauch. Einige seiner teilweise haarsträubenden Thesen (Theologie sei keine Wissenschaft), Vorwürfe (Religionsunterricht als Manipulation „verletzlicher Kinderhirne“) und Unterstellungen (Absprache der Kirchlichkeit von Diakonie und Caritas) regen zum Widerspruch an.

Seine Behauptung, die Sterbehilfe wäre 2015 „nach jahrelanger kirchlicher Lobbyarbeit kriminalisiert worden“, führt in die Irre. Als das Parlament vor drei Jahren die „geschäftsmäßige“ Beihilfe zum Suizid von schwer Leidenden unter Strafe stellte, sollte lediglich verhindert werden, dass mit dem Sterben Geschäfte gemacht werden. Die von Herrn Möller beklagte Lobbyarbeit zielte auf Entlastung der Ärzteschaft und Patienten: Kein Mensch soll Anspruch auf ein tödliches Medikament haben. Kein Kranker soll sich unter Druck gesetzt fühlen – auch wenn zugegebenermaßen eine große Mehrheit der Bevölkerung, darunter viele Christen, auf die sogenannte Selbstbestimmung bis zum letzten Atemzug pocht. Weiterhin plädiert er für einen Ersatz des konfessionsgebundenen Religionsunterrichtes durch das Fach Ethik. Wer garantiert aber, dass die „verletzlichen Kinderhirne“ dann weniger manipuliert würden?

Stören und verstören gehört dazu

Die weltanschaulich-neutrale Haltung des Staates soll gewahrt bleiben. Daraus aber einen kompletten Laizismus zu folgern, schießt über das Ziel hinaus. Möller spricht sich dafür aus, dass religiöse Überzeugungen „schonungslos durch den Kakao gezogen werden dürfen“. Traurige Wahrheit: Schon kurz nach aller Betroffenheit, ausgelöst durch das Attentat auf „Charlie Hebdo“, wurden wieder Rufe laut, dass Satire alles dürfe. Hinterfragen und kritisieren ist in Ordnung, darin stimme ich dem Schreiber zu, aber wenn unter dem Deckmantel der Satire alles gerechtfertigt wird, Verunglimpfung dessen, was Menschen heilig ist, ist eine Grenze überschritten. Immerhin: Der Schreiber hält Vielfalt und Religionsfreiheit für wichtig – allerdings nur, solange sie nicht stören. Aber auch stören und verstören gehört manchmal zur Aufgabe der Religionen. Frank Hartmann, Mannheim

Schade, dass Herr Möller schon mit zehn Jahren aus dem Religionsunterricht ausgetreten ist, denn so konnte er gar nicht erleben, dass im Religionsunterricht keinem Schüler vorgeschrieben wird, was er zu denken habe, noch nicht mal, was er zu glauben hat. Ich habe in den vergangenen 35 Jahren katholischen Religionsunterricht an Gymnasien in Baden-Württemberg erteilt und weiß auch, wie die anderen Kollegen arbeiten.

Zum Beispiel hat in den 90er Jahren ein Schüler, der als erklärter Atheist bekannt war, bei mir in Religion die Abiturprüfung gemacht – und mit der Note sehr gut bestanden. Mit welcher Einstellung urteilt dieser Bestsellerautor eigentlich – so unwissend wie unrichtig? Mit der Radikalität eines Giordano Bruno hat das leider wenig zu tun!

Dieselbe Ignoranz zeigt Herr Möller in seinem Urteil über die Theologie; hat er sie doch auch nicht kennengelernt, denn er hat Pädagogik studiert – ist das eine Wissenschaft? Seit gut 200 Jahren versteht sich die christliche Theologie beider Konfessionen in der Entwicklung der Apologetik als hermeneutisch-kritische Reflexion von Bibel und Kirche, das heißt, man bemüht sich in dieser Wissenschaft mit allen anerkannten Methoden aufzuzeigen, was am christlichen Glauben vernünftig ist. Theologie heißt vernünftiges Reden von Gott. Und wer auch noch ein bisschen historische Kenntnisse besitzt, der weiß, dass die scholastische Philosophie und Theologie des Mittelalters die Wiege der abendländischen Universitäten sind.

Wahrscheinlich ist in der Öffentlichkeit gar nicht bekannt, wie intensiv und ausdauernd die Theologie ihren Wissenschaftsanspruch und ihre Methodik reflektiert. Und da tritt so ein junger Mensch auf und fordert ganz einfach: Religionsunterricht raus aus der Schule und Theologie raus aus der Universität –weil ja Glaube da nicht hingehört. So einfach ist das für einen Bestsellerautor. Moderne Philosophen sind da weiter als diese altbackene glaubensfeindliche Ideologie, die Herr Möller da vertritt. Glauben ist die Voraussetzung für jede Form von Wissen. Und Wissen gehört immer auch zum Glauben dazu. Paul Puhl, Mannheim

Es ist eine Schande, wie wenig doch Kirche und Staat getrennt sind und wie die Religion nach wie vor den Menschen schadet. Alle Religionen halten sich für die einzig richtige. Wer weiß, wie Religionen entstanden sind, kann sich nur wundern, dass die Menschen diese Dinge kritiklos schlucken, da hat die Indoktrination durch den Religionsunterricht „gute“ Arbeit geleistet. Keiner denkt auch darüber nach, dass üblicherweise der Geburtsort über den Glauben entscheidet – seltsam. Alle Eltern, die ihr Kleinkind taufen lassen, statt es die Religionsmüdigkeit erreichen zu lassen, so dass es selbst entscheiden kann, sind mit Schuld an dem Dilemma. Heinz König, Kaiserslautern

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2F9kwuB