Leserbrief

Grüne sollten auch in Mannheim um jeden Baum kämpfen

Zum Artikel „Ein Filetstück in Mannheim“ vom 24. Oktober:

Natürlich muss auch in Mannheim gebaut werden. Es fehlen vor allem bezahlbare Wohnungen. Das ist unstrittig. Trotzdem, der aktuelle Umfang der Bauaktivitäten ist außergewöhnlich. Ob in einem solchen Umfang wirklich gebaut werden muss, darf bezweifelt werden.

Die vage Hoffnung auf eine steigende Zahl von Wohnungssuchenden gepaart mit extrem niedrigen Zinsen führen in Mannheim zu einem nicht unproblematischen Bauboom. Die sich abzeichnende Immobilienblase könnte platzen mit sehr unangenehmen Konsequenzen für Mannheim. Noch vor wenigen Jahren waren die Prognosen für die Bevölkerungsentwicklung in Mannheim genau umgekehrt. Man ging von sinkenden Einwohnerzahlen aus. Wie lässt sich ein solcher Stimmungsumschwung erklären?

Angeblich signalisieren die Immobilienmärkte eine dramatisch steigende Nachfrage. Wann aber haben Immobilienmärkte etwas anderes signalisiert? Eine belastbare Studie, die diese Trendwende erklärt, gibt es auf jeden Fall nicht. Ob tatsächlich 10 000, 20 000 oder noch mehr Wohnungssuchende vor den Toren Mannheims verzweifelt auf zusätzlichen Wohnungsangebote in Mannheim warten, wie es uns suggeriert wird, weiß außer unseren Politikern niemand. Trotzdem hat die Kurz’sche Koalition im Gemeinderat (SPD, CDU, Grüne, Linke) auch die Spinelli-Nord-Bebauung auf Kosten des ökologischen Jahrhundertwerks Grünzug Nord-Ost ohne große Korrekturen durchgewinkt.

Negative Konsequenzen wie Landschaftsversieglung, Verkleinerung des angeblich so notwendigen Grünzugs mit Frischluftschneise wurden selbst von den Grünen einfach ausgeblendet. Vor allem die Haltung der Grünen, die doch zu 100 Prozent für Umweltschutz stehen wollen, kann man kaum nachvollziehen. Selbst wenn man bereit ist, seine eigenen Ideale bis zur Unkenntlichkeit zu verbiegen, sollten es auch für Grüne Grenzen der Kompromissbereitschaft geben.

Ja, wir brauchen einen Grünzug, aber keinen „Happening Park“, ja wir brauchen einen ehrlichen Grünzug, der nicht zulasten eines Landschaftsschutzgebietes geht, ja wir brauchen neue Radwege aber nicht auf Kosten wertvoller Kleingärten in der Au und nein, wir brauchen auch keinen zentralen Betriebshof mit zusätzlicher Lärm- und Umweltverschmutzung für das Neubaugebiet Spinelli-Nord, den angrenzenden Grünzug und Feudenheim.

Vor allem aus Gründen der Glaubwürdigkeit sollten besonders Grüne auch in Mannheim für jedes Fleckchen Erde, um jedes Stück Natur, ja um jeden Baum kämpfen. Bedingungsloses Wirtschaftswachstum zulasten der Natur ist auch in Mannheim ein Irrweg. Wie Vergleichsstudien mit anderen Städten in Deutschland zeigen, ist Mannheim, man will es kaum glauben, eine Stadt mit relativ viel Beton und viel zu wenig Grün.

Brigitte Franz, Mannheim

Wie nicht anders zu erwarten, hat der Mannheimer Gemeinderat mit großer Mehrheit der Betonierung des Spinelli-Geländes zugestimmt, Mannheim muss sich ja auch „anstrengen“, denn es liegt bei der Überbauung „nur“ auf Rang 6 des Rankings der deutschen Städte. Einige sehr wenige wiesen auf die Ungereimtheiten der Sozialquote hin, die zu einer Verteuerung der Mieten für die 70 Prozent anderen Mieter offenbar führt. Die Problematik der Fehlbelegung ist ja auch schon längst von anderen Projekten bekannt. Wer einmal im Sozialquotenbereich ist, bleibt dann drin. So ist das. Über den bürokratischen Aufwand für die Berechtigungsbescheinigung will ich mich gar nicht erst aufhalten. Mit dieser weiteren Verplanung wurden auch künftige Notwendigkeiten der Stadtentwicklung einmal mehr regelrecht zugebaut.

Allgemein ist anzumerken, dass es einer breiteren Opposition im Gemeinderat fehlt, da SPD, CDU und Grüne als Bürgermeister besitzende Parteien eh immer für die Verwaltung stimmen. Eine echte der Thematik angemessene Diskussion findet doch nicht statt.

Mathias Wagener, Mannheim

Große Chance auf besseres Klima verpasst! Der Mannheimer Gemeinderat hat also den Rahmenplan zum Spinelli-Militärgelände mehrheitlich beschlossen. Hauptthema der Debatte war die sicherlich legitime Diskussion über die Art der Bebauung, vor allem, ob entweder mehr bezahlbarer Wohnraum und Mehrfamilienhäuser oder andererseits mehr Ein- und Zweifamilienhäuser bei einer höheren Eigentumsquote entstehen sollen.

Doch es ist erschreckend, dass in dieser Debatte ein ganz wichtiger Aspekt völlig untergegangen ist: der Klimaschutz in Mannheim! Im Rahmenplan ist zwar von „ambitionierten klimaökologischen Maßnahmen“ die Rede. Das ist Humbug! Denn mit dem Freiwerden des Spinelligeländes hatte Mannheim die Riesenchance auf eine gut funktionierende Frischluftschneise im Grünzug Nordost.

So hatte der Klimagutachter im Gutachten von 2013 eine Grünzugbreite von 600 Meter empfohlen, damit die Frischluft vom Grünzug Nordost über Spinelli tatsächlich bis in die Mannheimer Innenstadt gelangen kann. Damit hätte Mannheim einen wichtigen Akzent im Kampf gegen den im stärker zunehmenden Klimawandel setzen können. Doch diese Chance ist nach den im Rahmenplan enthaltenen Vorgaben vertan! Denn inzwischen plant man nur noch mit einer Frischluftschneise von unter 400 Meter Breite. Dies reicht nach den Feststellungen des Klimagutachters aber nicht aus für eine Frischluftzufuhr in die Mannheimer Innenstadt.

Aber es passt ins Gesamtbild: Mannheim ist bundesweit an sechster Stelle der Städte mit dem höchsten Versiegelungsgrad. Und das, obwohl Mannheim nach Aufgabe der zahlreichen Kasernen durch die US-Armee über 500 Hektar Konversionsflächen hinzugewonnen hat. Weshalb muss dann ausgerechnet die Bebauung auf Spinelli so intensiv ausfallen, dass die dort befindliche Frischluftschneise inmitten des Grünzuges Nordost so stark reduziert wird?

Wenn – wie vom Klimagutachter prognostiziert – die Hitzebelastungen ab dem Jahre 2025 noch intensiver ausfallen werden wie dies bereits in diesem Jahr der Fall war, dann wird man sich daran erinnern, dass die ökologischen Weichen im Jahre 2018 falsch gestellt wurden! Oder besteht vielleicht doch noch eine Chance, dass nach den Kommunalwahlen 2019 Politiker im Mannheimer Gemeinderat sitzen, die bereit sind, dem Klimaschutz höhere Priorität einzuräumen und den beschlossenen Rahmenplan entsprechend zu korrigieren?

Hans-Jürgen Hiemenz, Mannheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2Ta9GZG

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