Leserbrief

Hambach lebt wieder im Geiste von 1832

Zur Debatte „Warum müssen wir um unsere Nationalsymbole kämpfen, Herr Münkler?“ vom 28. April:

Im Kern stimme ich Herrn Münkler zu: Demokratie und Liberalität benötigen Gedenktage und Gedenkorte. Sie benötigen allerdings keine Gruppierungen, die von vornherein genau diese gesellschaftlichen Werte kapern wollen.

Allerdings bleibt die Frage, wieso gerade diese geschichtsträchtigen Kulissen nicht mehr für eine wahre Demokratie und unsere liberalisierte Republik stehen – dürfen? Hier erkenne ich einen Teil der Schuld bei der Politik. Schon mit Beginn der Bundesrepublik wurden alle nationalen Symbole verdrängt, geächtet oder verboten. Dies bot recht früh Raum für (Rechts-)Radikale und Deutschtümelei… Damit wurde ein „Kulturgut“, das nationale Selbstbewusstsein, mit Füßen getreten.

Zum Verständnis: Quer über den Globus, beginnend mit europäischen Nachbarn, kennen wir nationalen Stolz. Symbole, die zur Identität dazu gehören. Sie werden nicht in Frage gestellt, sondern gewürdigt. Bei uns wurde, durch politische Fehlinterpretationen, diese Identität und damit die demokratische und liberale Festigung, zunehmend entfremdet. Den Bürgern wurde politisch versichert: Sie leben in einem demokratisch-liberalen Land; schätzen Sie sich glücklich! Der Weg für die Trittbrettfahrer der Demokratie war geebnet und wurde als Vehikel ihres Demokratieverständnisses genutzt. Wehret den Anfängen, heißt es!

Doch hier, wie so häufig in den Jahren, wurde es versäumt auf gesellschaftliche Signale zeitnah zu reagieren. Deshalb: Hambach wieder für echte Demokraten und Liberale hoffähig zu machen, ist das Gebot der Stunde. Wir dürfen den Raum nicht den radikalen Trittbrettfahrern überlassen. Nein, wir müssen in aktiven Aktionen, ohne Mitläufertum, unsere liberalen Werte, die Demokratie, verteidigen. Dazu gehört auch, die Wahrheit, die Bedenken der Bürger, politisch nicht von vorneherein zu zerstreuen, als radikales Gedankengut abzutun oder gar als irrelevant vom Tisch zu fegen! Hambach lebt nur dann wieder im Geiste der Initiatoren von 1832, wenn die heutige Politik und Gesellschaft, die falsche Weichenstellung korrigiert. Klarheit und Weltoffenheit dürfen keine unkontrollierbaren Hürden sein. Karl-Heinz Schmehr, Lampertheim

Wir sollen auf unsere Gedenktage und -orte achten. Wer sagt denn, dass die heutige, von der Gesellschaft favorisierte, Sicht auf bestimmte historische Ereignisse die einzig wahre Sicht der Dinge ist? Wie oft haben sich Einstellungen zu Gedenktagen geändert? Man denke an den Sedantag, der am 2. September im Kaiserreich bis 1918 zur Erinnerung an den Sieg über Napoleon III. im Jahr 1870 gefeiert wurde. Noch heute an diese siegreiche Schlacht zu erinnern, würde man wohl als ziemlich unpassend empfinden. Wenn also jetzt zur „Patriotenwanderung“ zum „Neuen Hambacher Fest“ aufgerufen wird, dann erhebt sich doch eher die Frage, warum ist das heute notwendig?

1832 wollten die Teilnehmer des „Hambacher Festes“ ein Signal für die Einheit Deutschlands und gegen die Repressionen der Regierenden setzen, deren Gesicht damals Fürst Metternich war. Deutschland bestand damals aus rund 35, im Wesentlichen unabhängigen Staaten, die lose im Deutschen Bund zusammengefasst waren. Es gab 1832 zwischen diesen Staaten noch Zollgrenzen und sogar unterschiedliche Uhrzeiten. Die Einheit Deutschlands kam dann 1871 mit der Folge, dass die Wirtschaftskraft innerhalb der nächsten 40 Jahre massiv anstieg, die Wissenschaften, die Technik und die Medizin machten enorme Fortschritte, von denen wir heute noch profitieren. Bis zum Ersten Weltkrieg erhielt Deutschland mehr Nobelpreise als England und Frankreich zusammen. Die Bevölkerung wuchs von 41 auf 65 Millionen. Warum also erhält das Jahr 1871 keinen Platz in der nationalen Tradition Deutschlands? Es muss ja nicht der 18. Januar sein, an dem König Wilhelm I. zum deutschen Kaiser in Versailles ausgerufen wurde.

Nehmen Sie die erste Sitzung des Reichstags nach dem Sieg über Frankreich. Nationalsymbole müssen sich doch nicht nur auf die Demokratie beziehen. Wie der Name eigentlich sagt, sollten sich nationale Symbole auf den Staat und nicht auf eine Regierungsform beziehen. Warum werden in diesem erweiterten Sinne keine Vorschläge für Gedenktage oder -orte gemacht? Deutschland gibt es in unterschiedlichen Bezeichnungen seit fast 1100 Jahren und allein die Tatsache, dass es sich über diese Zeit bis heute behauptet hat und immer noch existiert, ist bereits bemerkenswert und wäre Anlass für einen Gedenktag. Denn unsere Nachbarn waren uns in dieser Zeit nicht immer wohlgesonnen. Ein solcher Gedenktag würde auch daran erinnern, dass unsere Geschichte nicht nur aus zwölf Jahren Nationalsozialismus besteht, was durch die Themen deutscher Historiker vielfach, vielleicht auch unbewusst, suggeriert wird.

Zum Thema „Repression der Regierenden“: Natürlich herrscht heute keine Repression wie im Jahr 1832. Trotzdem versuchen uns unsere Regierenden massiv in eine Richtung zu bewegen, die wir als Volk in unserer Mehrheit nicht wollen. Ein Beispiel ist die Debatte: Gehört der Islam zu Deutschland? Für drei Viertel der Deutschen gehört er nicht zu Deutschland. Trotzdem behaupten die höchsten Vertreter unseres Landes, nämlich der Bundestagspräsident, der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin das Gegenteil. Dabei liegt Horst Seehofer hier völlig richtig, wenn er zwischen dem Islam und den Mohammedanern unterscheidet, die bei entsprechender Integrationsbereitschaft durchaus zu uns gehören.

Oder diese merkwürdige Aussage unserer Kanzlerin, aber auch unseres Bundespräsidenten, wonach das Existenzrecht Israels zu unserer Staatsräson gehört. Für mich heißt das letztlich: Wenn Israel von den Arabern angegriffen wird und sich ausnahmsweise mal nicht selbst verteidigen kann, wird die Bundeswehr dorthin geschickt, um gegen die Araber zu kämpfen. Glaubt ein Regierender im Ernst, diese Position sei mehrheitsfähig? Erwin Böhm, Ladenburg

Nach dem wirklich sehr guten Kommentar von Manfred Loimeier am 21. April ist am vergangenen Wochenende mit dem Beitrag Herfried Münklers, des bekennenden Merkel-Fans, leider wieder der Alltag in den „Mannheimer Morgen“ eingekehrt: Verunglimpfungen des politischen Gegners, unsachliche und absurde Vorwürfe, Verweigerung jeder Diskussion und natürlich das manipulative Verwenden von „Rechtsradikalismus“ – mit dem angeblich der „Rechtskonservativismus“ in irgendeiner reichlich nebulösen Weise zusammenhängen soll. Gibt es übrigens auch einen „Linkskonservativismus“?

Besonders grotesk wird dieser Beitrag, von dem ich gar nichts halte, am Schluss mit einem eigenen Vorschlag: Wenn AfD und Teile der CDU ein „neues Hambacher Fest“ feiern, wird mit dem Feuer gespielt und werden die Grundlagen der bestehenden Ordnung in Frage gestellt; wenn „man“ (wer ist das denn eigentlich?) die nächsten Jahrestage des Hambacher Festes mit eigenen Veranstaltungen belegt, scheint das die Grundlagen der bestehenden Ordnung nicht zu berühren. Es geht also, wie immer in diesen Beiträgen, um Ausgrenzung, nicht um politische Auseinandersetzung. Gunter Zimmermann, Mannheim

Prof. Münkler verunglimpft Thilo Sarrazin als irrlichternd und Max Otte beleidigt er als notorischen Selbstdarsteller. Weiter behauptet er, die Rechtskonservativen hätten keine Symbole, Personen oder Orte, mit denen sie Erfolg haben könnten, obwohl er es doch besser wissen müsste. Sein Vorsatz, allen Konservativen, die sich aufrichtig für ihr Land einsetzen, unlautere Absichten zu unterstellen, ist wirklich nicht schwer zu durchschauen.

Was haben Historiker nicht alles unternommen, um Geschichte aus lauter Feigheit vor der Ehrlichkeit so zu frisieren, bis sie schließlich nur noch ihr eigenes Wohlbehagen förderte? Von der Haupt- oder sogar Alleinschuld des Deutschen Kaiserreichs am Ausbruch des Ersten Weltkriegs (Fritz Fischer), über Faktoren, die sich gegenseitig hochschaukelten (Münkler selbst) bis zu europäischen Regierungen, die schlafwandlerisch ins Verhängnis stolperten (Christopher Clark). Diese Versuche zeigen das grundsätzliche Dilemma der Historiker, denn Geschichte so darzustellen, wie sie sich nun einmal zugetragen hat, wäre für sie selbst unerträglich und daher vollkommen inakzeptabel. Jürgen Hanselmann, Hockenheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2jDjT0e