Leserbrief

„Ich bin sehr emotional“

Vier eifrige Leserbriefschreiber kommen zu Besuch in die Redaktion und tauschen sich mit den Chefredakteuren und deren Kollegen über ihr „Hobby“ aus.

Walter Brecht hat einen Ordner vor sich auf dem Tisch liegen. „Leserbriefe“ steht drauf. Mit drei anderen Herren ist er auf Einladung der Chefredakteure Dirk Lübke und Karsten Kammholz sowie Projektredakteur Stephan Eisner in die Redaktion gekommen. Walter Brecht, Wolfgang Buchholz, Jürgen Schmitt und Joachim Schubert sind engagierte Leserbriefschreiber. Insgesamt 1117 Menschen haben sich im vergangenen Jahr die Mühe gemacht, zu den unterschiedlichsten Themen die Redaktion anzuschreiben. Mehr als 2000 Briefe sind 2019 eingegangen. Alle laufen über den Schreibtisch von Chefredakteur Lübke oder Projektredakteur Eisner. „Die Briefe enthalten Zusatzinformationen und Anregungen, sie decken das Meinungsspektrum ab. Wir wollen Ihnen heute dafür danken und uns mit Ihnen austauschen“, sagt Lübke.

Gäste bei der „Blattabnahme“

Doch erst einmal blicken die Gäste hinter die Kulissen, sie besuchen den Newsroom, den Nachrichtenraum, der das Herz der Redaktion darstellt. „Hier laufen die Fäden jeder Ausgabe zusammen“, erklärt Redakteur Eisner. Während der „Blattabnahme“ fällt der Blick auf die Ausgabe des nächsten Tages – und auch die Leser geben Anregungen zu Überschriften oder kritisieren eine geplante Bildauswahl. Hier wird auch klar: In der Redaktion wird viel debattiert, bevor die Zeitung so im Briefkasten liegt, wie sie ist. „Was bedeutet das?“, fragt Leserbriefschreiber Wolfgang Buchholz und zeigt auf eine Überschrift. „Das kann doch nicht jeder verstehen.“ Und genau so geht im Prinzip die Blattabnahme. Bei dieser wird noch einmal geprüft: Ist alles verständlich, korrekt – und unmissverständlich formuliert? Hierbei wird auch auf Folgendes geachtet: Passt die Überschrift vom Print auch ins Web?

Leserzuschriften sind eine emotionale Angelegenheit. Themen wie Klima, soziale Gerechtigkeit, Kriminalität oder Zuwanderung polarisieren – auch dort. „Das eint die Leserbriefschreiber und die Journalisten, nämlich, dass sie emotionale Themen identifizieren und darauf reagieren“, sagt Chefredakteur Lübke. Jürgen Schmitt nickt: „Ja, wirklich. Bei mir ist es so, dass ich es liebe, am Tablet zu lesen – und wenn ich dann was sehe, was mich dermaßen aufregt – dann muss ich es sofort abtippen. Aber nicht immer sende ich den Brief dann ab“, fügt er hinzu. „Um ehrlich zu sein, schicke ich nur etwa ein Zehntel meiner schon geschrieben Briefe ab“, sagt er mit einem Schmunzeln. „Das ist manchmal auch besser so.“ „Ich lese meine Briefe immer dreimal, bevor ich sie absende“, sagt auch Ex-Polizist und Vielschreiber Walter Brecht. „Ich bin sehr emotional.“

„Wie viele Leserbriefe werden denn abgedruckt?“, will Wolfgang Buchholz wissen. „Wir drucken etwa die Hälfte der eingegangenen Briefe ab“, sagt Lübke. Er behält sich vor, Briefe, wenn nötig, zu kürzen – aber natürlich so, dass der Sinn dabei erhalten bleibt. Die Leser erfahren an diesem Abend auch, dass nahezu alle „Briefe“ heute E-Mails sind. „Es gibt aber auch einige Wenige, die noch auf Papier und mit Filzstift an uns schreiben“, so der Chefredakteur. Beleidigende, ehrverletzende und strafrechtlich bedenkliche Äußerungen veröffentlicht die Redaktion nicht. Auch anonyme Briefe werden nicht gedruckt. Und „Duelle“ einzelner Leserbriefschreiber untereinander lässt die Redaktion ebenfalls nicht zu.

Leser Joachim Schubert nutzt die Gelegenheit des Redaktionsbesuchs, um festzustellen, dass aus seiner Sicht die Perspektive der Arbeitnehmer manchmal zu kurz kommt. „Sie haben kürzlich beispielsweise dem Gesamtmetallchef sehr viel Platz eingeräumt“, konkretisiert er seine Kritik. Chefredakteur Kammholz verspricht, „die Gegenseite auch bald sichtbar zu machen“. Walter Brecht lobt dagegen die Tatsache, dass sich die Polizeiberichte in der Zeitung wiederfinden, regt aber an, bei Überschriften „nicht vorschnell ein Urteil über Täter oder Opfer zu fällen. Sie sollten hier die Emotionen rausnehmen“. Ihn stört an der Zeitung, dass auch Rapper und Bands im Kulturteil besprochen werden, die teilweise eine kriminelle Vergangenheit haben. Chefredakteur Lübke entgegnet: „Wir berichten hierüber wegen des Publikumsinteresses.“

Wolfgang Buchholz war unter anderem Mathematiklehrer in Schriesheim. Er liebt es auch heute noch, sich mit Zahlen auseinanderzusetzen. „Ich setzte Zahlen ins Verhältnis und komme so manchmal auf erstaunliche Ergebnisse, die ich dann mit einem Augenzwinkern in meine Leserbriefe einfließen lassen“, erzählt er. So hatte Buchholz errechnet, dass in Mannheim 36 Vollzugsbeamte einen Fall von Müllsündern pro Tag aufteilen. Am Ende stellen die vier Besucher aber einhellig fest: Sie sind mit ihrer Tageszeitung zufrieden und möchten sie nicht missen. „Ohne meine Zeitung – das geht gar nicht“, sagt Jürgen Schmitt.

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