Leserbrief

Zum Thema Kunsthalle

Identität und urbanes Gefühl

Die Kunsthalle Mannheim steht an einem der wenigen architektonisch geschlossenen Plätze der Stadt, dem Jugendstilensemble Friedrichsplatz. Nun soll ein Element hinzugefügt werden, das mit seiner Dominanz diese Geschlossenheit durchbricht und am weitesten von allen Entwürfen, die auf diesen Aspekt Bezug nehmen, abrückt.

Statt einen Fehler zu korrigieren, der vor langer Zeit gemacht wurde, indem der Billing-Bau des Museums zur Moltkestraße zugewandt ist, konnte ich bei den im Juni vorgestellten Entwürfen kaum einen entdecken, der dieses Problem thematisierte. Sicher soll ein Museumsbau auch von Zweckdienlichkeit bestimmt sein. Eine Versetzung der Außenfassade des bestehenden Billing-Baues um 180 Grad wäre, ohne Berücksichtigung der Mehrkosten, denkbar gewesen und würde dem Jugendstil des Friedrichsplatzes entgegengekommen. Die Berücksichtigung eines Zweckbaues wäre auf der Gegenseite zur Moltkestraße sicher besser realisierbar gewesen. Als Laie kann ich mich zu den Details nur den kritischen Anmerkungen im Artikel "autistische Geste am Friedrichsplatz" anschließen, ohne selbst über die einzelnen Vorschläge urteilen zu wollen. Es gibt aber ein Anliegen, wozu jeder Mannheimer Bürger zur Mitsprache berechtigt ist.

Ich meine den städtebaulichen Gesamteindruck Mannheims. Es überwiegt das architektonische Einerlei auf den großen Straßen der Stadt (ausgenommen die Augusta-Anlage). Sicher lässt sich das zum Teil durch die schwere Zerstörung der Stadt im zweiten Weltkrieg erklären. Aber da, wo noch eine historische Substanz, zum Beispiel am Paradeplatz, vorhanden war, hätte man, statt des misslungenen Stadthauses, einen Ausgleich schaffen können! Zum Glück aber haben wir das Kurfürstliche Schloss, vom Staatsbauamt restauriert, und von einem noblen Sponsor in Teilen wieder hergestellt. Warum diese Kritik? Nach meiner Ansicht wird die Identität und das urbane Gefühl besonders auch durch die Historizität einer Stadt angesprochen.

Gute Beispiele

Dabei lässt eine moderne Bautechnik zu, dass hinter historischen Fassaden sich durchaus eine zweckdienliche Bau-Ökonomie verbergen kann. Bestes Beispiel ist das geplante Berliner Stadtschloss. Allein seine äußerer Gestaltung wird dazu beitragen, die geschichtlichen Bezüge wieder zu erkennen oder für alle Nachkriegsgenerationen verstehen zu lernen. Es gäbe noch viele gute Beispiele aufzuführen: Nehmen wir Dresden, ebenfalls ein Opfer des Bombenkrieges oder Warschau, von Polen mit Liebe rekonstruiert. Nur die Administration Mannheims meint ohne solche Akzente auszukommen - dazu gehört die Entscheidung des Rates über den ausgewählten Museumsbau am Friedrichsplatz.

Als Bürger der Stadt ist es mir ein Bedürfnis, meinen Standpunkt wenigstens dem meinungsbildenden Presseorgan ,Mannheimer Morgen" mitzuteilen. Abgesehen von den Architekten stehe ich mit meiner Meinung unter den Bürgern bestimmt nicht allein da.

Auch bin ich mir gewiss, dass sich an der vorgesehenen Lösung, wenn überhaupt, nur wenig ändern wird. Dennoch kann ich dazu nicht schweigen.