Leserbrief

Ist der Einfluss von Religion zu groß? So bewerten Leser den Gastbeitrag

Zum Debattenbeitrag „Welche Rolle sollte Religion heute spielen, Herr Möller?“ vom 24. Februar:

Auf die einzelnen Thesen einzugehen ist mir der Mühe nicht wert, es gibt genug Gegenargumente. Nur soweit zur Aussage, dass Theologie keine Wissenschaft sei und dass sich alle christlichen Tatsachenbehauptungen als falsch herausgestellt haben: Letztlich ist jeder ein Glaubender, auch der Atheist glaubt, denn auch er weiß ja nicht, was wirklich ist. Ich für meinen Teil bin glücklich als Christ, zahle gerne meine Kirchensteuer und freue mich auch, wenn sonntagmorgens die Glocken läuten! 

Angelika Cooper, Mannheim

Jede Religion hat ihren eigenen Ursprung und ist mit der Göttlichkeit verbunden. Die eine etwas mehr, die andere etwas weniger. Religionen sind entstanden und haben sich teilweise unterschiedlichst entwickelt – jede hat ihre eigenen Werte mit eingebaut. Viele davon sind aufgrund von Macht- und Egogebaren hinzugefügt worden. Das bedeutet, die klassische Ursprungsreligion, die es einmal gab, die gesagt hat: Wir sind alle gleich. Wir sind alle göttlich. Wir sind alle Kinder Gottes. Eine solche Religion gibt es leider nicht mehr.

Religionen spiegeln oftmals den Bewusstseinswerdungsprozess des Einzelnen. Sie sind von Menschen gemacht, beeinflusst von deren Ethik- und Moralvorstellungen, von deren eigenen Wünschen, und unterliegen daher menschlichem Fehlverhalten. Das bedeutet, ein Mensch, der vielleicht nicht ganz so weit in seiner Seelenentwicklung ist, wählt sich etwa eine Religion aus, die weniger die christlichen Werte lebt, die beispielsweise sagt: Männer sind mehr wert als Frauen, etwa im indischen Bereich mit dem Kastensystem.

Aber jede Religion hat ihre Daseinsberechtigung, ist ein Weg zu Gott, denn sie hilft dem Menschen, in seine Göttlichkeit, in die Liebe zu wachsen. Religion bedeutet doch nicht: „Ich gehöre einer Institution an“, sondern wird dort praktiziert, wo der Mensch mit seinem Herzen an das glaubt, was ihm guttut! Das bedeutet doch: „Ich glaube an Gott. Und dem folge ich auf meine ganz eigene Art und Weise, aber ich mache mich nicht abhängig von Glaubensbildern anderer oder von Institutionen.“ Es wird wohl immer auf eine gewisse Art und Weise Religion geben, denn vielen gibt sie Halt und Ausrichtung. Aber sie wird sich fundamental auf der gesamten Welt verändern und verändern müssen, so dass sich unter anderem diese Institutionen aufweichen werden, dass künftig vermehrt die christlichen Werte gelebt werden, nicht im Sinne von Kirche, etwa von Katholizismus oder Protestantismus, sondern dass Nächstenliebe gelebt wird, dass ein von Schuld befreiter Gott gelebt wird, dass vor allem alle Menschen gleich sind, dass die Liebe als oberstes Gebot in den Herzen verankert wird.

Aber viele Menschen sind noch zu fest verwurzelt und verankert mit ihren alten Religiositäten, ihren teilweise überholten, nicht mehr zeitgemäßen Mustern und Glaubenssätzen, mit ihrem Macht- und Egogebaren. Religion ist eine persönliche Einstellung. Gesetze, Verordnungen und Regeln sollten jedoch in einem Staat, einem Rechtsstaat, für alle Bürger und Institutionen, ohne Ausnahme, gleich gelten. Und was hat Religion mit Kirchensteuerpflicht zu tun?

1919 wurde die Kirchensteuer in der Weimarer Reichsverfassung verankert. Das Reichskonkordat von 1933 zwischen Hitler und dem Heiligen Stuhl sicherte zum Beispiel der katholischen Kirche weiterhin das Recht auf Erhebung einer Kirchensteuer zu. Die Menschen sollten doch einmal in den Geschichtsbüchern nachlesen, welcher Sinn und Zweck für beide Seiten dahinter steckte. Und das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland übernahm 1949 durch Artikel 140 die Weimarer Regelung. Der Staat sollte sich für das Volk, für seine Bürger einsetzen und nicht für Institutionen. 

Marliese Hanßen, Ladenburg

Streitbare Debatten mag ich als Pfarrerin gerne, aber ein solches Schwarzweißmalen wie in den Ausführungen von Philipp Möller braucht meiner Meinung nach kein Mensch und erst Recht nicht die liberale Demokratie. Als religiöser Mensch werde ich hier verantwortlich gemacht für jedes Verbrechen, das irgendwo in der Welt im Namen der Religion geschehen ist. Für ihn sind wir offenbar alle gefährlich.

Geflüchtete Menschen möchte Herr Möller deshalb konsequent vor Religion, also vor mir, schützen. Das ist die gleiche pauschalisierende Argumentationsstruktur wie bei Pegida und der AfD, auch wenn dort „nur“ die Muslime ohne Ansehen der Person in einen Sack gesteckt werden. Manche der von Möller genannten Punkte sind ja durchaus diskussionswürdig und werden auch diskutiert, aber bitte nicht so grobschlächtig: die „Religiösen“ gegen die Anderen. Wer ist denn mein angebliches Gegenüber, die „Normalen“, die „Säkularen“ oder gar die „Guten“? Einen einzigen Vorschlag möchte ich trotz allem ansprechen, den „juristischen Vorfall zur Sterbehilfe“. Hier habe die Politik durch die Lobbyarbeit der Kirchen gegen etwa 80 Prozent der Bevölkerung entschieden. Eine abenteuerliche Zahl und es wird nicht einmal klar, was die behaupteten 80 Prozent wollen –die Möglichkeit assistierten Suizids, aktive Sterbehilfe, Sterbebegleitung?

In meiner Erfahrung als Klinikpfarrerin und Autorin zu diesem Thema ist eine so große Mehrheit in gesunden Tagen nicht einmal bereit, sich auf diese Fragen einzulassen, geschweige denn eine feste Überzeugung zu vertreten. Das Thema „Sterbehilfe“ eignet sich denkbar schlecht für solche flapsigen Argumentationen. Die Debatten sind vielschichtig, konträre Positionen finden sich in fast allen gesellschaftlichen Gruppen, auch bei uns in der Kirche.  Karin Lackus, Mannheim

Religion ist zuvorderst eine Erfolgsgeschichte der Manipulation. Noch immer scheint es leicht, Sehnsüchte nach Heroen und Führern zu befriedigen. Herr Möller ist wie ich einer der wenigen Rufer in der Wüstenei der Gedanken- und Bedenkenlosigkeit Gefolgschaftswilliger. Ohne fundamentale Regeln und deren Einhaltung funktioniert keine Gemeinschaft.

Beim Homo sapiens kommt zu Reglementierungswahn noch die Freude am Drangsalieren hinzu. Folglich spielen sich seit rund 3000 Jahren weltliche und geistliche Macht die Bälle zu. Wie von Phillip Möller skizziert, trotz Aufklärung und vorgeblich laizistischem Staat immer noch erfolgreich!

So nachhaltig bestimmend in den Hirnen verwurzelt, dass sich selbst einflussreiche Medien scheuen, die heißen Eisen anzufassen. Diesem konservativen „Reinheitsgebot“ pfropften die Herrschaften unablässig domestizierende Verfügungen in Gesetzeswirksamkeit auf, bis sich der kindlich Gläubige bar jeden Verstandes in dieser Zwangsjacke geborgen fühlt. Diesen Irrsinn stoppten nicht etwa atheistische Regime, nein, sie nutzten die bewährte Indoktrination als Blaupause ihrer schmutzigen Spiele. Evangelisten geben sich mündig und erfindungsreich, segnen und verfluchen im Namen Gottes und spielen in selbstherrlichem Wohlergehen mit Himmelreich und Hölle Pingpong. Diese Vordenker fühlen sich unangreifbar, weil wir eben nicht das Denken den Pferden überlassen. Somit folgen wir willig instrumentalisierter Relativität, als sei Glaubenseifer Erkenntnisgewinn auf realer Grundlage. Nachdenkende Hinterfrager sind als Minderheit kein wirkliches Hindernis für halbseidene, mindestens staatlich geduldete Machenschaften. Wer fragt schon nach dem Inhalt, wenn es aus der Gulaschkanone verführerisch duftet?

Radikalisierung monotheistischer Glaubenseiferer wird zwar beklagt, aber hingenommen, weil sich niemand ernsthaft die Nabelschnur abschneidet, die ihn nährt. Folglich dürfen wir nur so frei und tolerant sein, wie es uns die Intoleranten vorgeben. Mir sind die Eltern ein Rätsel, die ohne Not und Zwang ihre Jüngsten religiöser Gehirnwäsche aussetzen. Glaubensvermittlung hat an vom Steuerzahler getragenen Lehranstalten der Wissensvermittlung nichts verloren!

Literaturempfehlung: „Amour Liberté in sieben Siegeln“ und „Drittes Drittel, wir kommen!“ Gut betuchte Heilsapostel mit flottem Mundwerk inthronisieren je nach Bedarf den „altbösen Feind“, um ihn in Anrufung Gottes anschließend zu verdammen. Selbstbeweihräucherung im Wechselspiel von Wettbewerb und Vergnügen zu Allmachtsanbetung und Buße inbegriffen. Welche Alternative wäre haltsuchenden Verunsicherten zu bieten? Dass die christlichen Glaubenskämpfer ausgebuffter und gnadenloser sind als jede weltliche Macht, merken sie schließlich erst, wenn die Honigfalle zugeschnappt ist.  Andreas Weng, Mannheim

Zur Ergänzung der äußerst verdienstvollen Anregung zur Auseinandersetzung mit den Logik- und Konsistenzbrüchen in unserer vermeintlich aufgeklärten und doch so aufklärungsbedürftigen Gesellschaft schicke ich Ihnen meinen Aphorismus zum Thema: „Wissenschaft bewahrt uns vor Ideologie, Technik vor Magie; Religion bewahrt uns vor uns selbst.“ Vielleicht noch einen: „Glaube ist eine Ausrede für Denkfaulheit und mangelnden Wissensdrang. Religion ist die Verabredung zu solcher Faulheit und solchem Mangel im Kollektiv. Kirche, Umma (oder wie immer ein solches Verabredungskollektiv genannt wird) ist die korrupte, sanktionsgierige Gesellschaftsform tradierter Denkfaulheit mit dem Ziel, die Begrenzung des Erkenntniswillens als ,Kultur’ zu bemänteln.“ Und noch einen kurzen: „Kleiner Geist, großer Gott.“ Rolf Mohr, Mannheim

Ich als alter Mensch kann zu diesem Thema nur sagen: Glücklich der Mensch, der einen Glauben hat. Er gibt Halt, Kraft und Trost in allen Situationen des Lebens. Er ist das größte Gut, das Eltern ihren Kindern auf dem Weg ins Leben mitgeben können. Wer ohne Gott, ohne Religion leben möchte, hat den freien Willen, das zu tun. Darüber kann und darf niemand urteilen. Rita Keuthen, Schriesheim

Hier schreibt einmal mehr einer, der so rein gar keine Ahnung von Religion hat – von Gotteserfahrungen ganz zu schweigen. Weder weiß dieser Mensch etwas von der Aktualität von Jesus Lehre, noch von dem, wie Jesus in unserem Leben heute noch wirkt. Stattdessen ergeht sich Herr Möller in unsinnigen Reden und schämt sich nicht einmal dafür, seine Unwissenheit zur Schau zu stellen. Da redet er beispielsweise gegen Hassprediger und predigt und predigt doch selbst den blanken Hass gegen Religionen. Und was tut man mit solcher Literatur? Man wirft sie dahin, wo sie am besten aufgehoben ist, nämlich in den Papierkorb.Uwe Reubold, Ludwigshafen

Chapeau, Herr Möller! Ich kann den klar und prägnant formulierten Vorschlägen voll und ganz zustimmen. Verbindliche Grundlage unserer Gesellschaft und identitätsstiftende Kraft ist das Grundgesetz. Dieses Wertefundament gibt den Rahmen vor, innerhalb dessen sich alles Handeln bewegt. Glaubensfreiheit, religiöse Vielfalt, Diversität sind zweifelsohne hohe Güter, jedoch nur die Freiheit aller Meinungen und Lebensentwürfe schützt den Einzelnen vor den selbst ernannten Kennern der idealen Gesellschaft. Dass allen Religionen und Ideologien die strukturelle Potenz zu Gewalt eigen ist, vor allem wenn die jeweiligen „heiligen“ Schriften wörtlich ausgelegt werden und ein dualistisches Weltbild von Gut und Böse kultiviert wird, zeigen die heutigen, nicht nur weltweiten Konflikte.

Der Vorwurf der Gotteslästerung war und ist ein probates Mittel gegenüber Meinungen, die die eigenen Interessen in Frage stellen. Wer Freiheit und Rechte für sich fordert, muss ertragen, dass eine aufgeklärte Vernunft andere Wahrheiten zutage fördert, und muss anerkennen, dass Pflicht die Dialektik von Recht ist. Pflicht, sich innerhalb des vorgegebenen Rahmens zu bewegen und Gesetze zu respektieren. Die Freiheit und die Rechte der Menschen werden da am besten gewährleistet, wo sie allen Mitgliedern einer Gesellschaft gleichermaßen garantiert sind. Das kann nur gelingen, wenn alle Bürger dem Grundsatz zustimmen, dass alle Menschen gleich sind und ihre Würde unantastbar ist. Karl Klemm, Lampertheim

Ja, sind Sie denn des Teufels? Einem „Ketzer“ wie Philipp Möller eine ganze Seite zu widmen? Aber meinen Respekt – auch wenn Sie sich nichts dafür kaufen können – haben Sie. Wenn die Kirchen nur ihre Mitgliedsbeiträge selbst einziehen müssten, würde die Mitgliederzahl dramatisch schrumpfen. Manfred Pfirrmann, Lampertheim

Mich stört der aggressive Grundton des Beitrages von Philipp Möller. Es wirkt auf mich so, als wolle er zum Atheismus zwangsmissionieren. Er pauschalisiert. Zur differenzierten Betrachtung ist er offenbar nicht in der Lage. Ein Beispiel: Er behauptet, viele Menschen, die vor religiösen Terroristen geflohen seien, würden in deutschen Flüchtlingsheimen „auf dieselben Strukturen treffen, vor denen sie geflohen sind“. Wer vor religiöser Gewalt geflohen sei, müsse laut Möller „im säkularen Deutschland konsequent vor Religion geschützt werden“. Zu geflüchteten Menschen scheint Möller keinen Kontakt zu haben. Sonst würde er wissen, dass vielen Muslimen, aber auch geflüchteten Christen ihre Religion sehr wichtig ist. Sie wollen nicht vor Religion geschützt werden, sondern vor einer „Terrormiliz“, die sich Islamischer Staat nennt. Möller fordert zudem, dass der Staat „effizient Mittel investieren“ soll, um Religionsgemeinschaften zu kontrollieren. Mit gläubigen Menschen hat er so seine Probleme, mit dem Überwachungsstaat offenbar nicht. Über einige seiner Aussagen ließe sich ja durchaus diskutieren. Auch ich bin für die Streichung des Blasphemieparagrafen. Allerdings aus anderen Gründen als Möller. Der Gott, an den ich glaube, liebt auch Menschen, die nicht an ihn glauben und sogar die, die ihn schmähen. Mit seiner Polemik (Bluetooth-Lautsprecher statt Kirchenglocken) verhindert Möller leider eine ernsthafte Debatte. Berndt Biewendt, Mannheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2F9kwuB