Leserbrief

Jair Bolsonaro behindert Brasiliens Entwicklung

Sicher hat Herr Nöthen Recht, wenn er den Umgang von Brasiliens Präsident Bolsonaro mit der Coronavirus-Epidemie sowie seine Politik im Bezug auf das Amazonasgebiet kritisiert. Es ist schon unverantwortlich, wenn er die Gefährlichkeit des Coronavirus nicht wahrhaben will oder die Gefahr verharmlost, während sich immer mehr Brasilianer mit dem Virus infizieren oder auch sterben.
Auch im Bezug auf das Amazonasgebiet wird er offenbar seiner Vorbildrolle als Vertreter des Staates überhaupt nicht gerecht, wenn er nicht für eine Schonung des Urwaldes zum Schutz des Klimas eintritt und sich stattdessen für die Rodung weiterer Flächen einsetzt, um sie agrarwirtschaftlich zu nutzen. Wenn, wie Herr Nöthen anmerkt, schon die heutigen Flächen ausreichen, um die Produktivität zu steigern, ist eine solche Politik unverantwortlich. Sie ist unverantwortlich auch gegenüber den indigenen Stämmen des Urwaldes, denen man Schutzzonen und Reservate zuweist, dann aber trotzdem ihren Lebensraum gefährdet.

Erfolge zunichtegemacht

Auch aber seine Politik der Verbrechensbekämpfung ist abenteuerlich und gefährlich. Er setzt die Polizei und sogar Einheiten des Militärs direkt in den Elendsvierteln gegen die Drogenbanden ein. Sogar aus der Luft mit Hubschraubern versucht man, Bandenmitglieder zu bekämpfen. Den wilden Schießereien, die dies zur Folge hat, fallen aber auch vor allem brasilianische Zivilisten und Slumbewohner zum Opfer, die nicht mehr wissen, ob Staat und Polizei noch Freund oder Feind sind. Auch der Blutzoll bei der Polizei ist hoch. Präsident Duterte von den Philippinen, der auch auf diese sehr zweifelhafte Weise versucht, die Drogenbanden zu bekämpfen, lässt grüßen.

Da wünscht man sich die Präsidenten Lula da Silva und Dilma Roussef von der linken Arbeiterpartei zurück. Sie haben recht erfolgreich versucht, mit einer Sozial- und Beschäftigungspolitik den Bewohnern der Slums eine Perspektive zu geben. Es entstand eine Art brasilianischer Mittelstand, die Verhältnisse in vielen Gegenden der Elendsviertel besserten sich. Die Kriminalitätsrate nahm ab. Da Silva und Dilma Roussef stammten auch selbst aus den Elendsvierteln und wussten, was bittere Armut bedeutet.

Dilma Roussef kämpfte sogar als junge Frau im Untergrund gegen die damalige Militärdiktatur in Brasilien. Auch im Bezug auf das Amazonasgebiet war ihre Politik von mehr Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Indianern und der Umwelt geprägt. Vor allem Lula da Silva wirkte integrierend und war für viele Brasilianer so populär wie ein Popstar.

Unter Präsident Bolsonaro sind diese Erfolge alle wieder zunichtegemacht worden. Offenbar vertritt er eher die Interessen der konservativ-bürgerlichen Oberschicht in Brasilien, die an einer Umverteilung der Ressourcen und einer Abmilderung der ausgeprägten Unterschiede in arm und reich im Land kein Interesse hat. Auch die hauptberuflichen Politiker in Parlament und Regierung sind korrupt und haben offenbar wenig Interesse, die wichtigen Entwicklungsprobleme des ewigen Schwellenlandes Brasilien wirksam anzugehen.

Ob Präsident Bolsonaro eine Gefahr für die ganze Welt ist, wie der Beitrag von Herrn Nöthen tituliert wird, ist schwer zu beantworten. Zumindest ist er keine Hilfe für diejenigen, die hoffen, dass der brasilianische Staat seine Hauptprobleme als ewiges Schwellenland wirksam angeht und lösen will.

Robert Schnörr, Mannheim

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