Leserbrief

Jan van Deths Beitrag war kontraproduktiv

Zum Beitrag von Jan van Deth "Das Privileg der gesellschaftlichen Teilhabe" vom 2. September:

Wenn es Ihr Ziel war, Menschen aller Bevölkerungsschichten zur Lust an der aktiven Teilhabe einer Bürgergesellschaft zu motivieren, war Ihr Beitrag über die Hindernisse für die gesellschaftliche Teilhabe am "Community Organizing" - als Hilfe zum Übergang in eine bürgerliche Gesellschaft - kontraproduktiv.

Jedoch für eine "Leser-Elite" gut zu wissen. Aber auch für Leser dieser Zeitung: Der Nutzen eines so langen und gleichzeitig gekürzten Gastbeitrags ist dann besonders groß, wenn der Leser motiviert wird, einen eigenen aktiven Beitrag zur Entwicklung der gesellschaftlichen Teilhabe beim Lesen für sich zu erkennen. Das geschieht dann, indem Sie dem Leser seinen Nutzen beziehungsweise seine Vorteile anhand von solchen Beispielen erläutern, die zum gewünschten Erfolg für Veränderungen der bürgerlichen Gesellschaft führen. Das dorthin führende Ziel könnte lauten, das Erstarken gelebter Demokratie für jedermann möglich machen zu wollen. Menschen wollen nicht nur "Brot und Spiele", wie unsere derzeitigen Politiker zu glauben scheinen. Vielleicht verleitet sie diese Vermutung dazu, zu fürchten, was passieren könnte, wenn immer mehr Menschen erkennen, welche Chancen an der Teilhabe sie bisher versäumt haben?

Dafür zu sorgen, dass es sehr bald dazu kommt, ist eine Ihrer Aufgaben, Herr Professor van Deth.

Manches kann man in den teilweise theoretischen Thesen in diesem Beitrag etwas anders sehen: Demokratie bietet allen Bürgerinnen und Bürgern fraglos auch eine große Chance zur Teilhabe. Nutzt man diese Chance bewusst oder unbewusst nicht, ist man kein Demokrat zweiter Klasse, Hieraus folgt, dass Partizipierende keine besseren Demokraten sind.

Die Regierenden einer Demokratie haben kein Anrecht auf Partizipation des Volkes. Wenn man entscheidet, nur zur Wahl zu gehen, negiert man nicht die Partizipation. Dies kann aus der Sicht des Einzelnen eine erschöpfende Teilhabe sein.

Er kann damit zum Ausdruck bringen, dass er die politischen Spielregeln beherrscht und alle demokratischen Tugenden unterstützt. Dies wird durch die Vielzahl der Wechselwähler ohne politisches Engagement deutlich. Auch Nichtwähler sind Partizipierende an der Gesellschaft. Sie senden eine starke und klare Botschaft. Für sie lohnt es sich zum Beispiel nicht, ihre Meinung einzubringen, weil sie erst aktiv werden wollen, wenn die ganze Richtung nicht mehr stimmt (siehe Europa).

Oder sie halten die Politiker für inkompetent. Sie sehen sich darin bestätigt, wenn Gerichte immer öfter die Gesetze korrigieren müssen. Ergo: Demokratie setzt sichtbare Teilhabe nicht voraus. Viele glauben, ohne Partizipation ausreichend teilzuhaben. Aber Glaubende ohne Glauben, das gibt es nicht.