Leserbrief

Jesiden nicht im Blick

Zum Thema „Situation der Jesiden“

Bei der völkerrechtswidrigen Eroberung des nordsyrischen Gebiets um Afrin durch türkische Streitkräfte waren auch arabische Hilfstruppen der „Freien Syrischen Armee“ (FSA) beteiligt. Zu ihnen gehört eine große Zahl von ehemaligen Kämpfern der Mörderbande „Islamischer Staat“ (IS). In dem seit langem weit überwiegend von Kurden besiedelten Gebiet hatte es vorher keine IS-Präsenz gegeben.

Der IS ist inzwischen besonders auch mit Hilfe der syrischen und irakischen Kurden aus seinen einstmals großen Herrschaftsgebieten vertrieben worden. Man darf annehmen, dass besonders IS-Leute an den Plünderungen, der Gewalt und der Vertreibung von Einheimischen durch FSA-Kämpfer, über die jetzt aus Afrin berichtet wird, teilnehmen.

Aber nicht nur die muslimischen Kurden sind die Leidtragenden. Schlimmes zu befürchten hat auch die religiöse Minderheit der nicht-muslimischen Jesiden, die ebenfalls Kurden sind. Sie waren schon 2014 Opfer von IS-Einheiten, die unter ihnen im nordirakischen Sindschar, ihrem Hauptsiedlungsgebiet, einen Massenmord begangen und viele ihrer Frauen als Sexsklavinnen entführten. Auch jetzt wieder wurden Jesiden aus etwa 20 Kleinstädten und Dörfern nördlich von Afrin getötet, wenn sie nicht rechtzeitig fliehen konnten.

Kein Konvertieren möglich

Es handelt sich um eine monotheistische Glaubensgemeinschaft mit Vorstellungen, Hymnen und Bräuchen, die Elemente des iranischen Zoroastrismus (der sich auf Zarathustra bezieht), des iranischen Mithraskults, altorientalischer Erzählstoffe, wie sie auch in der Bibel vorkommen (zum Beispiel von Adam und Eva), und verschiedener islamischer Strömungen enthalten.

Die Jesiden praktizieren eine strikte Endogamie, das heißt, Heiraten mit Andersgläubigen führen zum Ausschluss aus der Gemeinschaft. Es gibt also keine Möglichkeit der Einheirat, auch keine andere Möglichkeit, zum Jesidentum zu konvertieren. Das schließt aus, dass man missionarisch tätig wird. Das Verhältnis der Jesiden zu anderen Glaubensgemeinschaften ist deshalb auch überwiegend freundlich entspannt.

Jesidische Instanzen schätzen die Zahl ihrer Gläubigen weltweit auf rund eine Million. Ihre Siedlungsgebiete befinden sich innerhalb der Verbreitungsgebiete der Kurden, also in Nordirak, Iran, Nordsyrien und der Türkei. Allein im Nordirak sollen etwa 750 000 leben. Dort ist auch ihr religiöses Zentrum, Lalish, in der Nähe von Mossul.

Aufgrund von Flucht und Vertreibung leben heute Jesiden in Armenien, Georgien, Russland und Westeuropa. Ihre Zahl in Deutschland wird auf über 100 000 geschätzt. Sie werden durch den Zentralrat der Jesiden in Deutschland vertreten.