Leserbrief

Kinder in den Mittelpunkt von Schule stellen

Zum Artikel „Bildungspolitik ist festgefahren“ vom 25. Oktober:

„Unser Schulsystem komplett neu“ aufstellen? Ja, Frau Rasfeld, das ist eine Forderung, die mir aus dem Herzen spricht! Ich hoffe sehr, dass Susanne Eisenmann, die Kultusministerin des Landes Baden-Württemberg, diesen Artikel genau und offen gelesen hat. Die Kinder in den Mittelpunkt stellen, nicht die Lerninhalte und Fächer, Räume, Zeit und kreative Ansätze zulassen, anstatt mit Reglementierungen und einem engen Verständnis von Unterricht dies zu verhindern, das ist die Grundlage für eine erfolgreiche Schule!

Als langjährige Lehrerin in Gesamtschulen in Rheinland-Pfalz haben meine Kollegen und ich diese Freiräume entwickelt – und dabei manchmal auch einengende Rahmenbedingungen etwas freier ausgelegt. Im Fach Deutsch konnten sich die Kinder der siebten Klasse drei Monate lang in einer Dichterwerkstatt mit Gedichten (von Heinz Ehrhard bis Schiller) beschäftigen, selbstgewählte Gedichte auswendig lernen, selbst welche schreiben und diese bei einem Fest für ihre Familien theatral vortragen.

Neuaufstellung des Systems

Die vorgeschriebenen Einträge im Klassenbuch mussten in diesen drei Monaten auch Grammatik, Wortschatzerweiterung, Kommasetzung nachweisen. Diese Themen flossen natürlich in die Arbeit ein, aber für die Kinder nicht als Block mit Arbeitsblättern, sondern als selbstverständliches Element der Werkstatt. Es gab Redaktionskonferenzen, in denen die Kinder ihre Texte in Gruppen bearbeiteten, Sequenzen zum Erlernen von Techniken des darstellenden Spiels. Dieser Unterricht war für mich und die Kinder eine Freude, sie gingen motiviert (Siebtklässler? Deutsch? Gedichte?) und ausdauernd zu Werke.

Vieles von dem, was Frau Rasfeld anspricht – Jahrgangsmischung, neue Fächer, Eigenverantwortung für Tests, . . . – erscheint vielleicht erst einmal fremd, aber Lehrkräfte, die es umsetzen, können von guten Erfolgen berichten! Einen Aspekt möchte ich noch ergänzen, der der Autorin wahrscheinlich entgangen ist, weil sie in Schulen gearbeitet hat, die alle Kinder gemeinsam unterrichtet. Die Überwindung des viergliedrigen Schulsystems gehört für mich aber unbedingt zur Neuaufstellung unseres Systems dazu!

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/2Pye45z