Leserbrief

Können stolz auf unsere demokratische Tradition sein

Zum Debattenbeitrag „Warum brauchen wir mehr Helden, Herr Thomä?“ vom 21. März:

Herr Thomä spricht in seinem Beitrag nach meiner Auffassung richtigerweise von einer wehrhaften Demokratie in doppeltem Sinne, die notwendig ist, gerade in Deutschland. Zum einem muss der Staat die politische Ordnung garantieren und sie gegen politische Extremisten aus allen Richtungen verteidigen. Zum anderen aber braucht eine Demokratie auch eine demokratische und politische Kultur von Menschen, die sich für sie einsetzen und sie verteidigen. Aus historischer Erfahrung wissen wir, dass es nach dem Ende einer Diktatur immer eine gewisse Zeit dauert, bis autoritäre Denkmuster überwunden sind und demokratisches Denken auch in den Köpfen der Menschen angekommen ist. Herr Thomä verweist auch meiner Meinung nach zu Recht darauf, dass eine demokratische Ordnung auch Helden braucht, die der Gesellschaft und anderen als Vorbild dienen, weil sie sich für demokratische Ideale einsetzen und Zivilcourage zeigen, auch dann, wenn es wehtut.

Obwohl sie im Text von Herrn Thomä nicht genannt sind, haben wir eine Reihe von herausragenden politischen Persönlichkeiten in Deutschland vorzuweisen, die sich im Sinne von Herrn Thomä als Helden für die Demokratie und die Freiheit in den letzten hundert Jahren in Deutschland erwiesen und eingesetzt haben. Der erste Reichspräsident der Weimarer Republik von der SPD, Friedrich Ebert, gebürtig aus Heidelberg, hat zwischen 1919 und 1925 die neue junge demokratische Staatsordnung mutig gegen ihre Feinde von extrem links und extrem rechts verteidigt.

Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer von der CDU, hat nach 1949 angesichts der kommunistischen Bedrohung der Bundesrepublik im Kalten Krieg erkannt, dass nur eine Politik der Westbindung in der NATO die Demokratie und Freiheit in Westdeutschland sichern konnte. Mut und Courage bewies er auch dabei, mit Charles de Gaulle 1963 den Weg für eine deutsch-französische Aussöhnung zu bereiten.

Der SPD-Politiker Willy Brandt hat als Regierender Bürgermeister von West-Berlin ab 1961 die Berliner mutig gegen die kommunistische Aggression in der Zeit des Kalten Krieges und des Mauerbaus der DDR verteidigt. Als erster Bundeskanzler der SPD hatte er im Rahmen der Neuen Ostpolitik ab 1969 den Mut, durch Gespräche mit der DDR menschliche Erleichterungen für die Deutschen in Ost und West zu bewirken und somit den Eisernen Vorhang und die Mauer durchlässiger zu machen.

Bundeskanzler Helmut Kohl von der CDU setzte diese Entspannungspolitik schließlich fort und erkannte 1990 rasch, dass angesichts des Aufbegehrens der Deutschen gegen die Diktatur in der DDR der Wunsch weiter Teile der Bevölkerung nach Wiedervereinigung zum Ausdruck kam. Durch eine geschickte Diplomatie vollzog er die Vereinigung Deutschlands zusammen mit den vier alliierten Siegermächten.

Aber auch heute beziehungsweise im wiedervereinigten Deutschland seit 1990 haben wir Helden, die im demokratischen Sinne für die Freiheit und Einheit Deutschlands stehen. Ich denke dabei vor allem an den Ex-Bundespräsidenten Joachim Gauck. Als jüngerer Mann und evangelischer Pfarrer stand er geistig und politisch schon der Bürgerrechtsbewegung und dem politischen Widerstand gegen die SED-Diktatur nahe. Nach der Wiedervereinigung leitete er die nach ihm benannte Behörde, die für die Aufarbeitung des Unrechts der SED-Diktatur zuständig war. Ebenso integrierend und aussöhnend wirkte er auch als Bundespräsident und politischer Repräsentant der Bundesrepublik.

Als demokratische Helden der Bewegung, die nach Herrn Thomä durch Zivilcourage und das Austesten von Grenzen beispielgebend für die Demokratie sind und sich dabei auch Ärger einhandeln, muss man aus meiner Sicht unsere Landsleute in der DDR sehen, die vor 30 Jahren in den späten 1980er Jahren mutig gegen die SED-Diktatur auf die Straße gegangen sind und es schließlich schafften, die DDR-Diktatur zu Fall zu bringen.

Diese ganzen positiven Beispiele von demokratischen Helden zeigen, dass wir in Deutschland auf unsere demokratischen Traditionen stolz sein können und die Demokratie keineswegs nur als etwas betrachtet werden kann, was uns ab 1945 von den damaligen Siegermächten von außen aufgezwungen worden ist. Robert Schnörr, Mannheim

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/2Km5qD0