Leserbrief

Kolonialgeschichte ist aufzuarbeiten

Zur Themenseite „Ausgrenzung und Rassismus“ vom 16. Juni:

Ihr Autor und Mitarbeiter Manfred Loimeier ist eine Stimme der Aufklärung beim „Mannheimer Morgen“. Die Themenseite über „Ausgrenzung und Rassismus“ vom 16. Juni war sehr lesens- und nachdenkenswert. „Was es heißt, in einem Körper mit dunkler Hauptfarbe zu leben“ – so die Hauptüberschrift der Seite – ist auch mir, der ich mich als halbwegs tolerant und aufgeklärt wähne, auch nur annähernd klar.

Meine Hoffnung ist, dass die gegenwärtige, durch den gewaltsamen Tod von George Floyd in den USA ausgelöste Debatte, auch über Ausgrenzung und Rassismus hierzulande dazu dient, uns selbst über unsere eigenen Vorurteile und latenten rassistischen Zuschreibungen aufzuklären. Dabei mag auch der Blick in die Werke afroamerikanischer Autoren und Autorinnen aus den USA, aber auch auf die inzwischen in zahlreichen Veröffentlichungen niedergelegten Erfahrungen der nicht-weißen Deutschen hilfreich sein.

Mehr als Symbolpolitik

Ein weiterer wichtiger Aspekt scheint mir die Frage zu sein, inwieweit die nicht aufgearbeitete deutsche Kolonialgeschichte mit ihrem Herrenmenschen-Wahn für die Zählebigkeit rassistischer Zuschreibungen hierzulande mitverantwortlich ist. Da gibt es – auch auf lokaler Ebene – noch viel zu tun! Man denke nur an unsägliche Straßennamen auch in unserer Stadt. Wäre es im Rahmen einer solchen Aufarbeitung nicht an der Zeit, wenn man sich schon nicht kritisch mit den Straßennamen in Rheinau-Süd befassen will – sei es durch Umbenennungen oder erklärende Tafeln –, wenigstens ein paar Straßen in den Konversionsgebieten, den ehemaligen amerikanischen Kasernenflächen nach den Protagonisten des anti-kolonialen Kampfes in den ehemaligen deutschen Kolonien zu benennen?

Aber ich träume. Die Realität zeigt: Es gibt ja nicht mal eine Martin-Luther-King-Straße oder eine Nelson-Mandela-Straße in Mannheim! Die „MM“-Themenseite regt jedenfalls dazu an, sich vorzustellen, dass aus Aufklärung und Aufarbeitung auch einmal sichtbare Realität werden könnte. Dann wären notwendige Straßenum- und neubenennungen mehr als Symbolpolitik!

Bernhard Reinbold, Mannheim

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