Leserbrief

Kritik mit Konzept

Vier Leser sind einen Arbeitstag lang Gäste in der Redaktion. Sie erleben, wie aus Informationen Themen und nach - nicht immer leichten - Diskussionen Artikel werden.

Ein fast ganz normaler Tag: Die IG-Metall geht mit strammen Forderungen in die Tarifrunde, Stuttgart führt eine hitzige Haushaltsdebatte und die Arbeitsagentur gibt recht gute Zahlen für Ausbildungsplätze in Mannheim heraus. Doch noch ist es recht ruhig an diesem Morgen in der Mannheimer Dudenstraße, wo Redaktions- und Druckereigebäude der Mediengruppe Dr. Haas stehen.

In einem Besprechungszimmer begrüßt Chefredakteur Dirk Lübke vier Leser bei einer Tasse Kaffee. Sie alle haben sich mit Leserbriefen an die Redaktion gewandt, weil sie mit dies oder jenem nicht zufrieden waren, ja, sich auch geärgert hatten - und wurden als "kritische Leser" gebeten, uns einen Tag lang bei der Arbeit zu begleiten.

Arndt Müller und seine Frau Sylvia sind glänzend vorbereitet und haben Beispiele mitgebracht: Textauszüge, englische Originalzitate von US-Präsident Donald Trump und zugespitzte Überschriften, die den langjährigen Lesern der "MM"-Rhein-Neckar-Ausgabe aufstießen und über die sie mit der Redaktion sprechen wollen.

Auch Udo Seibold und Christian Potthof hatten Anlass zum Reden und haben Beispiele im Gepäck. Wir begründen, erklären, sind in diesem oder jenen Punkt anderer Meinung oder verstehen einen vorgetragenen Aspekt. Es entsteht das, was in einer Demokratie nötig ist: ein kritischer, aber konstruktiver Dialog zwischen Zeitungsmachern und engagierten und interessierten Zeitungslesern. Dann geht es in die Keimzelle der Zeitung: das Nachrichten-Großraumbüro "Newsroom", wo neben den Arbeitsplätzen der Blattmacher, dem "Newsdesk" um 10.30 Uhr an einem Stehtisch die "Blattkritik" als erster Punkt der Tagesordnung auf dem Programm steht. Was hätte besser sein können? Was ist gelungen? Haben wir etwas versäumt, zu hoch gehängt oder zu klein gefahren?

Notwendige Diskussionen

Christian Potthof freut sich über den Gourmet-Sterneregen, der auf Mannheim niederging. Blattkritiker Marco Pecht erachtet ihn an diesem Morgen als für journalistisch zu üppig bedacht.

Direkt geht die Runde, moderiert und geleitet von der stellvertretenden Chefredakteurin und "Deskchefin" Melanie Ahlemeier, zu den aktuellen Themen über. Planer aus verschiedenen Bereichen stellen vor, was ihnen schon vorliegt und womit heute zu rechnen ist. Wie gehen wir damit um? Welches ist das stärkste Thema für diesen Tag?

"Zu erfahren, wie man mit der Blattkritik umgeht und wie Themen angefasst, abgesprochen und mit Eigenbeiträgen aufgefüttert werden, fand ich interessant", sagt Leserin Sylvia Müller, die als Übersetzerin schon von berufswegen einen sehr sensiblen und genauen Umgang mit Sprache schätzt und erwartet. "Ist ,obsolet' mit ,überflüssig' oder doch mit ,nicht mehr zeitgemäß' zu übersetzen? Und welche Tonalität ergibt sich daraus aus Donald Trumps Zitat, dass die NATO obsolet sei?

In kleiner Runde fragt das Leserquartett später nochmals an den sensiblen Stellen nach: Wir sprechen über die große Weltpolitik, Donald Trump, Niedrigzinspolitik, Populismusdebatte, Agrarsubventionen "fake news" und die Verbeamtungsproblematik deutscher Parlamentarier. "Wenn man Meinungsbildung als Wettstreit der Ideen versteht", begrüßt Dirk Lübke die bisweilen hitzige Debatte, "muss man als Medium für Gesprächsstoff im Sinne von Stoff für notwendige und wichtige Diskussionen sorgen."

In die digitale Welt tauchen die Leser am Nachmittag mit Online-Redakteur Daniel Kraft ein und erörtern, wie der "Mannheimer Morgen" Nachrichten tagesaktuell über die Webseite "Morgenweb" oder in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter verbreitet.

Udo Seibold nutzt beispielsweise den Kommunikationsdienst Whats- App, um sich auf dem Laufenden zu halten. Darüber erhält er aus der "MM"-Redaktion Eilmeldungen und gegen 20 Uhr die "Themen des Tages". Am Abend in der Blattabnahme hängen alle Zeitungsseiten des folgenden Erscheinungstages - noch mit einigen Lücken - an der Wand des "Newsroom". Unsere Leser beteiligen sich an der Diskussion, ob jener Artikel zu zahlenlastig, diese Überschrift irreführend ist oder ein ausgewähltes Bild vielleicht doch zu langweilig ist.

"Gar nicht so einfach, das jeden Abend in solch großem Umfang Seite für Seite zu entscheiden", findet Christian Potthof. Den detailreichen Einsatz der Redaktion beurteilt Sylvia Müller als "bewundernswert" und ihr Mann Arndt schreibt uns am Tag darauf: "Wir wissen nun, dass es für Sie als Zeitungsmacher niemals möglich sein wird, alle Ihre Leser gleichzeitig zufriedenzustellen." Konstruktiv war der Arbeitstag für beide Seiten - und viele "MM"- Seiten ...

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