Leserbrief

Kritischer unter die Lupe nehmen

Zum Artikel „Messwerte steigen seit Juli“ vom 24. Januar:

Es hat den Anschein, als habe die Presse – auch diese Zeitung – beim Thema Stickoxid und Feinstaub wieder einmal allzu schnell den journalistischen Grundsatz vergessen, nach dem „Cui bono“ zu fragen: Wem nutzt ein Dieselfahrverbot (tatsächlich)?

Stattdessen wurden die Fahrverbote und die kalte Enteignung der Eigentümer von Dieselfahrzeugen regelrecht herbeigeschrieben. Vielleicht sollte man zwei Aspekte kritischer unter die Lupe nehmen.

Erstens: Wer instrumentalisiert eigentlich die Deutsche Umwelthilfe für welche Zwecke? Zweitens: Wie sieht ein sozialverträgliches Programm zu Fahrzeugen und Verkehr mit weniger Schadstoffausstoß aus, statt von vornherein auf eindimensionale Lösungen wie Fahrverbot und einen überforderten und zu teuren Personennahverkehr zu setzen.

Allein der Begriff Personennahverkehr nennt schon das Grundproblem, indem es nur die Personen, nicht aber deren Güter, wie Einkäufe und Ähnliches in den Mittelpunkt stellt.

Ältere und alte Menschen – mit einem Wasserkasten in jeder Hand, Einkaufstüten umgehängt und eine Stunde oder länger bis zu ihrem Wohnort außerhalb der Zentren in einem überfüllten Bus stehend und von der Haltestelle aus noch zu Fuß zur Wohnung wandernd?

Die Menschen in den Autos sind überwiegend keine Ausflügler, die Spritztouren in die Innenstädte machen. Sozialverträglichkeit, das klang lange Zeit altmodisch, hausbacken, ein Relikt der Wirtschaftswunderzeit der fünfziger und sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Aber gerade die Krise der Demokratie in Frankreich und in den angelsächsischen Ländern zeigt, dass das Nichtvorhandensein von Sozialverträglichkeit in den politischen Maßnahmen der USA, Großbritanniens und Frankreichs die Ursache der Krise ist.

Vielleicht sollte man sich dessen endlich bewusst werden und in alle politischen Entscheidungen viel stärker einbeziehen und mit dem Pfund des Verfassungsgrundsatzes Sozialstaat und Soziale Marktwirtschaft intern wie extern mehr wuchern.

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2TjbAH2