Leserbrief

Kulturleistungen und Verachtung der Menschen

Zum Artikel "Verloren im Niemandsland" vom 7. September:

Ihrer Zeitung gebührt Dank und Anerkennung für den ausführlichen Bericht über das schlimme Schicksal der Volksgruppe der Rohingya in Myanmar. Es ist ein weiteres Beispiel für die Benachteiligung, Unterdrückung und gewaltsame Vertreibung einer Minderheit durch eine Mehrheit. Unsere Welt ist leider voll von solchen Beispielen.

Die Ursachen sind meistens Fremdenhass und religiöse Intoleranz. Das Besondere ist hier, dass es sich bei der Minderheit um eine muslimische Volksgruppe, bei der Mehrheit um eine stark buddhistisch geprägte Gesellschaft handelt. Die etwa 1,3 Millionen Rohingya leben seit Jahrhunderten, um eine friedliche Existenz bemüht und nach Anerkennung strebend, in Myanmar. Sie werden als Illegale betrachtet, die Staatsbürgerschaft und damit Bürgerrechte werden ihnen verweigert. Diskriminierungen durch Behörden und Private sind ein Dauerzustand.

Hinzu kommen Aktionen durch die auch nach der Teildemokratisierung des Landes immer noch mächtigen Militärs. Nachdem eine kleine Gruppe von Aufständischen als "Arakan Rohingya Salvation Army" Anschläge auf einige Polizeistationen verübt hatte, verstärkte das Militär seinen Einsatz. Bekämpft werden aber nicht nur die Aufständischen, sondern auch die Zivilbevölkerung. Ganze Dörfer werden niedergebrannt. Auf fliehende Männer, Frauen und Kinder wird geschossen. Es kommt immer wieder zu Vergewaltigungen. Angehörige der lokalen buddhistischen Bevölkerung fallen mit Messern und Speeren über ihre muslimischen Nachbarn her.

Es ist noch nicht lange her, dass dabei sogar buddhistische Mönche zu den Anführern gehörten. Zig-Tausende Rohingya wurden ermordet, Hunderttausende mussten fliehen. Die Mehrheit der etwa 60 Millionen Einwohner Myanmars sind Buddhisten. In keinem anderen Land der Welt ist der Buddhismus im Alltag der Menschen so tief verwurzelt. In keinem gibt es so zahlreiche, so schöne buddhistische Pagoden und Tempel, viele mit Gold überzogen.

Die Freundlichkeit und Sanftmut der Bevölkerung ist eine der täglichen Erfahrungen eines jeden Reisenden. Die Ehrfurcht vor dem Leben gehört zu den vielen ethischen Geboten des Buddhismus. Ihre Erfüllung ist eine notwendige Voraussetzung für das Heil, die Erlösung vom Leid, das heißt vom Kreislauf der Wiedergeburten.

Der Buddhismus gilt weltweit als eine besonders friedliebende Religion. Aber nicht nur die Vorgänge in Myanmar zeigen, dass dieses Bild revidiert werden muss. Es gibt in der Geschichte weitere eklatante Beispiele für buddhistische Aggressivität und Unmenschlichkeit.

Wie bei allen anderen Weltreligionen klafft auch im Buddhismus ein tiefer Abgrund zwischen großartigen Kulturleistungen einerseits und dem menschenverachtenden Verhalten mancher ihrer führenden und mitlaufenden Anhänger andererseits.