Leserbrief

Kunsthalle: Was passiert, wenn die Besucher ausbleiben?

Archivartikel

Zum Interview mit Ulrika Lorenz "Plötzlich meldet sich van Gogh" vom 1. August:

Der Zufall hatte es wohl so gewollt, dass ich der Erste war, der sich schon am 7. Oktober 2009 im "Mannheimer Morgen" mit einem Leserbrief zur Kunsthalle äußerte. Der Titel lautete damals: Nicht abreißen! In den folgenden fünf Jahren (2009 bis 2014) erschienen insgesamt 109 weitere Leserbriefe zu diesem Thema. 96 schlossen sich dieser Meinung an, nur 13 sprachen sich für den geplanten Abriss des Mitzlaff-Baus aus.

Es kam zu einer Bürgerinitiative. Ein kleiner Kreis engagierter und hoch motivierter Bürger bemühte sich - allerdings völlig vergeblich -, auf das Vorhaben Einfluss zu nehmen. So wurde beispielsweise der Vorschlag, den geplanten Neubau nicht vor, sondern hinter den Billingbau zu errichten, der die zu erwartende städtebauliche Tragödie verhindert hätte, nie auch nur im Ansatz diskutiert. Nachdem das Modell vom Architektenbüro gmp der Öffentlichkeit vorgestellt worden war, verschärfte sich die Tonart in den Leserbriefen. Wegen der kastenförmigen Architektur, die sich in den gediegenen Jugendstil des Friedrichsplatzes überhaupt nicht einfügt, wurde der Bau - frei nach Berliner Art - mit allerlei abfälligen Attributen wie "Schuhschachtel", "Zigarrenkiste", "Möbelauslieferungslager", "Hochbunker mit Tarnnetz" oder gar "Hasenstall" apostrophiert.

Zugegeben, es wird noch schwer werden, der Öffentlichkeit den Neubau schmackhaft zu machen. Mit dem Interview der Kunsthallenchefin vom 1. August wurde ein erster Schritt in diese Richtung gewagt. Allerdings ist der Leser nicht wenig erstaunt, welch positive Worte sie über den künftigen Museumsbesucher findet. Er sei "informiert, weltläufig und anspruchsvoll", sagt Frau Lorenz, und verfüge über "eine dynamische Form der Bildung" (was immer das auch heißen mag).

Ein virtuelles Museum

"Woher will sie das wissen?", fragt man sich, und der Verdacht drängt sich auf, dass es sich eher um ein "Fishing for compliments" (Duden: das Herauslocken einer positiven Reaktion, durch auffallend bescheidene Selbstdarstellung) handelt - der Bürger soll nur kommen. Doch was geschieht mit dem Neubau, wenn die Besucher ausbleiben? Diese Sorge ist es, welche die Direktorin umzutreiben scheint. Angeblich arbeiten heute alle an eigenen virtuellen Museen, was immer mehr Menschen dazu verleitet, auf Museumsbesuche ganz zu verzichten.

Um das beim Neubau zu verhindern, gibt die Direktorin Auskunft, möchte man das Publikum "digital vorbereiten und begleiten", mit "Erlebnissen, Experimenten, Spielen, Online-Kursen und Ungewöhnlichem". Ob sich das auch der Museumsbesucher der Zukunft wünscht? Das fragt man sich, denn wer möchte schon auf diese Weise zu seinem Glück gezwungen werden?