Leserbrief

Lehrer können Begabung beurteilen

Zum Leserbrief „Spaltung in unseren Schulen aufheben“ vom 28. Dezember:

Es fasziniert mich immer wieder, wie ideologisches Denken bei Herrn Leonhardt seine realistische Wahrnehmung steuert. Als Lehrer mit vier Jahrzehnten Unterrichtserfahrung möchte ich dazu Stellung nehmen. „Die Grundschulempfehlung ist eine Einschränkung der Wahlfreiheit der Eltern.“ Ich traue den Lehrern der Grundschule zu, dass sie nach vier Jahren beurteilen können, wie es um die Leistungsfähigkeit und Begabung eines Kindes steht. Es sollte meines Erachtens hierbei mehr um das „Wohl des Kindes“ als um die „Leistungserwartungen der Eltern“ gehen. „Mein Kind könnte ja, wenn es wirklich wollte und sich anstrengen würde.“ Wie oft habe ich diese Worte von Eltern gehört. Wie schwierig ist es für Eltern, zu akzeptieren, dass ihr Kind nicht ihren Leistungserwartungen entspricht, sondern seine eigenen hat.

Wie oft habe ich Kinder in den Eingangsklassen des Gymnasiums scheitern sehen, weil die Eltern nicht die reale Leistungsfähigkeit ihres Kindes akzeptieren konnten. Wie grundlegend frustriert waren diese Kinder von ihrem Versagen, wenn sie den „Rücksturz“ auf die Realschule als persönliches Versagen erleben mussten. Für Spätentwickler ist unser Schulsystem nach oben immer offen. Alle Kinder sollten die gleichen Chancen haben und entsprechend ihrer Begabung und Leistungsfähigkeit gefördert werden.

Jenseits der Ideologie

Das heißt aber nicht, dass alle Kinder gleich sind oder gleich gemacht werden dürfen. Und das kann und darf auch nicht heißen, dass das Niveau der betreffenden Klasse soweit gesenkt wird, dass alle „einigermaßen“ mitkommen. Das geht dann zulasten jener Schüler, die in die Oberstufe einer weiterführenden Schule wechseln wollen.

Vergleichen wir einmal die Zahl der aufgenommenen Schüler der Gesamtschule mit der Anzahl der erfolgreichen Abiturienten dieser Schule. Wir sehen, dass die Kinder auch dort trotz „gleicher Chancen“ nicht gleich sind und auch dort deutlich ausgewählt wird beziehungsweise werden muss. Auch ist die Zahl der erfolgreichen Absolventen prozentual deutlich geringer als am herkömmlichen Gymnasium. Das sind für mich Fakten und Erfahrungen jenseits jeglicher Ideologie.

Wolfgang Weber, Mannheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2F4JfyP

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