Leserbrief

Leidensdruck der Missbrauchten wird verlängert

Zum Artikel „Die Baustellen der Kirche“ vom 25. September:

Mit Erstaunen habe ich in Ihrem Artikel gelesen, wie die katholische Kirche zu den Entschädigungszahlungen im Missbrauchsskandal steht. So sollen die Opfer maximal 50 000 Euro erhalten, wobei ein unabhängiges Gremium über die tatsächliche individuelle Höhe der Anerkennungszahlungen entscheiden wird. Die Gelder stammen aus Kirchensteuern. Anträge können ab 2021 gestellt werden.

Dies bedeutet, dass der Leidensweg der Missbrauchten weiter verlängert wird. Anstatt jetzt sofort Anträge zuzulassen, wird eine Entschädigung weiter hinausgezögert. Der Maximalbetrag von 50 000 Euro richtet sich nach der zivilrechtlichen Schmerzensgeldtabelle und kann fallweise auch zu niedrigeren Zahlungen führen. Die Kirche sollte sich meines Erachtens nicht an gesetzlichen Vorgaben orientieren, sondern ein Zeichen setzen, welches Anerkennung, aufrichtige Reue und Demut gegenüber den Opfern erkennen lässt. Das sollte mit einer deutlich höheren Zahlung einhergehen. Andernfalls entsteht der Eindruck, dass die Leidtragenden lediglich abgespeist werden sollen.

Schlag ins Gesicht für Christen

Ein Schlag ins Gesicht nicht nur für die Opfer, sondern auch für die Christen ist, dass die Anerkennungszahlungen aus Geldern der Kirchensteuer erfolgen sollen. Diese Gelder setzen sich aus Zahlungen der Gemeinschaft aller in die katholische Kirche eingetretenen Christen zusammen. Sie sollen nun mit ihren Steuern für die Schmerzensgelder der Missbrauchten aufkommen. Das ist etwa so, als ob ein Verurteilter seine Strafe an Unbeteiligte zur Verbüßung weitergeben würde.

Die Kirche muss also nicht selber aus eigenen Mitteln heraus Entschädigung leisten, sondern tut dies aus laufenden Einnahmen, die von den Gläubigen regelmäßig überwiesen werden. Eventuelles Privatvermögen der Peiniger und Vermögenswerte der Kirche bleiben unangetastet. Durch eine solche Vorgehensweise den Missbrauchsskandal aufzuarbeiten, tut sich die katholische Kirche keinen Gefallen. Es ist höchste Zeit für einen grundlegenden Neuanfang. (von Matthias Legat, Edingen-Neckarhausen)

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/3ihoIrJ