Leserbrief

Leser diskutieren weiter über Özil, Integration und einen Gast-Beitrag

Zu der Berichterstattung rund um den Rücktritt von Mesut Özil als Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft:

Der Fall Mesut Özil wird, dank unserer Neigung zur selektiven Wahrnehmung, unnötig hochgespielt: Zunächst hat ein sehr hoch bezahlter Söldner, der für einen Wirtschaftszweig, der Fußball Industrie, unter deutscher Flagge ins Rennen geschickt wurde, das Handtuch geworfen. Eigentlich ist es doch egal, aus welchem Grunde er dies tat. Er war, wie jeder Legionär, zunächst einmal ein Mensch, dessen Religion, Familienstand und Nationalität überhaupt keine Rolle spielt, es geht hierbei in erster Linie ums Geld verdienen! Die Fußball-Weltmeisterschaft ist doch kein Stellvertreterkrieg unter verfeindeten Nationen, sondern lediglich ein Lotteriespiel. Den wahren Grund für seine Rücktritts-Entscheidung hat alleine der Mensch Mesut Özil zu vertreten, wir haben ihn – eigentlich kommentarlos – zu akzeptieren. (Arno E. Meyer, Heppenheim)

Mesut Özil ist kein Täter, Mesut Özil ist ein Opfer. Jetzt ist Recep Tayyip Erdogan (RTE), Herrscher des Bosporus, eindeutig zu weit gegangen! Seine Marketingabteilung hat schamlos versucht, einen deutschen Staatsbürger für seine fünfte Kolonne in der Provinz Nummer 28, Almanya, zu rekrutieren. Schäbig. Herr Özil, der das Land seiner Vorfahren liebt, ist ihr leichtgläubig auf den Leim gegangen und bildet unfreiwillig einen Spaltpilz zwischen Türken, Deutschtürken und Deutschen.

Jetzt muss gehandelt werden. Jetzt muss die permanente Unterwanderung aus Istanbul gestoppt werden. Jetzt müssen Moscheen und ihre Vorstände, die hier bereits Kinder zu Feindseligkeiten auf uns drillen, und in denen RTE-bezahlte Hassprediger unsere Mitbürger aufwiegeln, unter Kuratel gestellt werden. Jetzt brauchen wir wieder ein friedliches Miteinander – ohne eine Propaganda für den Osten. Übrigens benötigen wir dafür nicht die „üblichen Verdächtigen“ aus der Rechten Szene! (Jürgen Althoff, Ludwigshafen)

Die Debatte über Integration von Zuwanderern und Flüchtlingen wird meines Ermessens mit falschem Ansatz geführt. Ich habe mehr als die Hälfte meines Berufslebens, zuletzt zehn Jahre in Singapur, verbracht. In allen Ländern war es so, dass ich als uneingeladener Zuwanderer kam. Mir wäre nie eingefallen, die Forderung an mein Zuwanderungsland zu stellen, für meine Integration zu sorgen. Dies musste ich schon selbst tun. Grundvoraussetzung war auch, sich an die Sitten und Gebräuche zu gewöhnen und die Landesgesetze zu beachten. 

Sich über Herrn Özil aufzuregen bringt nichts. Er lebt ja im Ausland. Wenn er sich mit Herrn Erdogan ablichten lässt, ist das seine Privatsache, aber als Politikum nicht zu verneinen, da er ja hin und wieder, auf Grund seiner deutschen Staatsbürgerschaft, für die deutsche Nationalmannschaft spielt. Um dessen Integration braucht sich keiner zu kümmern, dass hat er, respektive seine Eltern in der Vergangenheit, solange er in Deutschland lebte, getan. Und die Rassismuskeule sollte man tunlichst stecken lassen. (Michael Panzer, Mannheim)

Die Lektüre des Gastbeitrags von Jagoda Marinic zum Thema Mesut Özil hat mich entsetzt und sehr ärgerlich gemacht. So viel Raum (Seite 2, fast ganzseitig) für einen so undifferenzierten und polarisierenden Meinungsbeitrag – bitte, bitte nicht mehr davon –, das ist unter dem sonstigen Niveau Ihrer Zeitung! Schon die Wortwahl in der Überschrift finde ich höchstproblematisch: „Deutschland zerfetzt den ungehorsamen Migranten“ und „Die deutsche Gesellschaft hat versagt“. Das ist harter Tobak und kann meiner Meinung nach nicht einfach so stehenbleiben.

Was mich an der ganzen Debatte am meisten ärgert, ist, dass Özil sich jetzt als Opfer von angeblichem „Rassismus“ in Deutschland darstellt und gar nicht verstanden hat, weshalb er kritisiert worden ist. Sein Foto mit Erdogan sieht er als Zeichen des „Respekts“ für das Land seiner familiären Wurzeln. Das wäre unter normalen Umständen völlig okay, aber die Umstände waren und sind nicht normal: Das Foto wurde in einer heißen Phase des Wahlkampfs gemacht und muss daher – ob gewollt oder ungewollt – als Wahlkampfhilfe verstanden werden.

Wahlkampfhilfe für einen Politiker, der seit zwei Jahren dabei ist, den Rechtsstaat in der Türkei zu zerstören, und der dafür verantwortlich ist, dass unzählige unbescholtene türkische Bürger ihren Job verloren haben und dass es so viele politische Häftlinge und Menschen, gegen die ein politisch motiviertes Verfahren läuft – türkische, deutsche und andere Staatsangehörige – in der Türkei gibt, wie seit Jahren nicht mehr.

Ich finde es zynisch, dass Özil sich hier als Opfer darstellt, während in meinen Augen die wahren Opfer Personen wie Taner Kilic, Mesale Tolu, Ahmet Sik und unzählige andere sind, die nur deswegen im Gefängnis sitzen oder angeklagt wurden, weil sie eine andere Meinung als Erdogan vertreten. Cem Özdemir hat meiner Meinung nach völlig Recht, wenn er sagt, dass Özils freundliches Foto mit Erdogan den Respekt vor diesem Teil der türkischen Gesellschaft, der unter Erdogans Regierung extrem leidet, vermissen lässt.

Natürlich glaube ich Herrn Özil, dass er an all das überhaupt nicht gedacht hat und das Treffen mit Erdogan für rein unpolitisch hielt, aber, und hier kommen wir zur gegenwärtigen Debatte: Er muss sich zumindest Fragen zu seinem Handeln gefallen lassen. Die Art, wie er auf diese Fragen reagiert hat, finde ich persönlich unangemessen. Und genauso unangemessen und unverschämt finde ich Frau Marinics polemischen Vorwurf, ganz Deutschland würde Herrn Özil angeblich „zerfetzen“ und überhaupt habe die Gesellschaft als ganze „versagt“.

So ein pauschaler Rundumschlag zeigt meiner Meinung nach nur ein verrutschtes Koordinatensystem der Autorin. Und der Gegensatz, der hier aufgebaut wird – die bösen Deutschen auf der einen Seite, die guten, aber schlecht behandelten Migranten auf der anderen Seite –, ist billige Polemik, für die Ihre Zeitung nicht so einen prominenten Publikationsort zur Verfügung stellen sollte. (Anja Rigi-Luperti, Mannheim)

Der Artikel „Deutschland zerfetzt den ungehorsamen Migranten“ von Jagoda Marinic hat mich so empört, dass ich den ersten Leserbrief meines Lebens schreibe. Das beginnt schon mit der Überschrift „Deutschland zerfetzt . . .“ Die Einwohner von Deutschland werden pauschal in einen Topf geworfen und die Vokabel „zerfetzen“ weist auch gleich die Schuld zu. „Zerfetzen“ ist brutal, martialisch und kennt dem Opfer gegenüber keine Gnade. Der Artikel will also überhaupt nicht ausgewogen Stellung beziehen, sondern nur provozieren und radikalisieren.

Die Ereignisse und Vorfälle um Mesut Özil zu verallgemeinern und auf alle Menschen mit Migrationshintergrund zu übertragen, ist schlichtweg eine Zumutung für beide Seiten. In Deutschland wird bei jeder Wirtshausschlägerei, bei jeder Massenkarambolage und – jawohl – bei jedem Asylantrag eine individuelle Bewertung und ein individuelles Urteil gefordert und realisiert. Und das ist gut so. Das muss aber auch andersherum gelten und die Vorgänge um ein Individuum können keinesfalls „als Blaupause“ auf alle (Deutschen) übertragen werden.

Deshalb müssen die Vorgänge um Herrn Özil individuell bewertet werden: Die Aussage „mein Präsident“; der Zeitpunkt kurz vor der Wahl in der Türkei; die Veröffentlichung kurz vor der Fußball-WM sind alles Umstände, die in der Öffentlichkeit sehr wohl gewichtet und bewertet werden dürfen.

Dass die „Blaupause Özil“ nicht auf alle Menschen mit Migrationshintergrund übertragen werden können, zeigt wohl auch die Tatsache, dass Ilkay Gündogan nicht mit in die Diskussion einbezogen wird, obwohl auch er auf dem bewussten Foto zu sehen ist. Herr Özil hat einfach ein schlechtes Krisenmanagement betrieben und sein Versuch, die Fragen und die Sache einfach stillschweigend auszusitzen, ist gescheitert. Die Konsequenzen sind jetzt die umso größere Öffentlichkeit und in der Tat eine deutschlandweite Diskussion.

Meine Meinung zum Artikel von J. Marinic: Dieser Artikel wäre nicht einmal im Deutschabitur als annehmbar oder ausreichend begründet durchgegangen. Mit Polarisation und Provokation ist in Fragen der Integration keinem gedient und bringt niemanden auch nur ein Stückchen weiter. Die Autorin hat sich selbst in „Aus“ manövriert. (Michael Boll, Mannheim)

Der Beitrag „Deutschland zerfetzt den ungehorsamen Migranten“ von Jagoda Marinic ist so einseitig, man kann sich nur darüber ärgern. Um was geht das Ganze? Doch nur, dass M. Özil dem türkischen Staatschef „die Ehre“ erwies, die dieser wahrlich nicht verdient. Özil ist deutscher Staatsbürger und genießt unsere Vorteile der Demokratie und im Land seiner Eltern werden Tausende Unschuldige ins Gefängnis gesteckt. Was noch mehr ärgert, er sagt, er würde es wieder tun. In Deutschland lässt sich durch Leistung sehr wohl eine Integration erreichen, aber nicht durch Provozieren. (Else Stempfhuber, Bad Mergentheim)

Wenn sich ein deutscher Fußballspieler der deutschen Nationalmannschaft mit einem türkischen Diktator ablichten lässt, hat er nichts in der deutschen Mannschaft zu suchen, trotz vieler Verdienste. Dies hätte Herr Löw vermieden, wenn er Herrn Özil nicht nach Russland mitgenommen hätte. Man kann das Bett nicht an fünf Zipfeln haben. (Helmut Bachmann, Weinheim)

Ich bin der Meinung, dass in dieser ganzen Affäre wieder mal nur Uli Hoeneß die unverblümte Wahrheit gesagt hat. Aber leider will ja die wieder vorerst niemand hören (wie im Fall Daum) und lieber dem Rassismusopfer Özil zur Seite stehen. Man stelle sich nur mal vor, ein deutschstämmiger Nationalspieler hätte sich vor der WM mit irgend einem AfD-Politiker (aus Respekt vor dessen Amt – wie Özil den Respekt ja vor dem türkischen Präsidentenamt hat) fotografieren lassen – der Aufschrei in allen Medien wäre unvorstellbar gewesen. Und der Spieler wäre sicherlich nicht mit zur WM gefahren und wäre zum Rücktritt gezwungen worden.

Wäre die Türkei eine Fußballnation, mit der man Pokale und Titel gewinnen könnte, hätte sich Herr Özil 2009 sicherlich für die türkische Nationalmannschaft entschieden und auf Integration und Deutschland gepfiffen, und wir hätten dann auch noch Verständnis gezeigt. Den auch im Haus Özil stehen der schnöde Mammon, Titel und Erfolg an erster Stelle und nicht Deutschland. (Stefan Bausbacher, Mannheim)

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2Or3GJq