Leserbrief

Leser finden, Mülltrennung ist zu kompliziert

Zum Kommentar „Es wird und muss wehtun“ vom 19. September:

Da ist er wieder, der belehrende, Schuld zuweisende, ein schlechtes Gewissen machende Journalismus, Herr Geiger, der alle über einen Kamm schert. Warum muss Umweltschutz wehtun? Antwort: Weil wir alle mit der Erbsünde der Umweltverschmutzung behaftet sind und uns nur Geld in Form von Steuerlast von dieser Sünde reinwaschen können. Manche ganz leicht, andere nur schwer. Wem wird es wehtun? Antwort: Denen, die sowieso schon an der untersten Stelle der Einkommenspyramide stehen. Denen, die mit niedrigsten Löhnen unseren Müll produzieren oder ihn in unsere Häuser liefern. Wem wird es trotz steigender Kosten nicht wehtun? Antwort: Denjenigen, die es sich leisten können, weiter zu machen wie bisher, weil ihr Einkommen dies erlaubt. Auf wen wird das Problem abgewälzt? Antwort: Auf die, die am wenigsten für dessen Entstehung können.

Ich will noch ein paar Ihrer Fragen beantworten. Sie fragen: Warum trennen wir den Müll nicht ordentlich? Antwort: Weil man dafür inzwischen ein Hochschulstudium braucht, um zu verstehen, was wo hin soll und was erlaubt und was verboten ist. Davon abgesehen trägt Mülltrennung am Endpunkt der Kette in keiner Weise zur Müllvermeidung bei. Warum gibt es Wasser in Einwegflaschen? Antwort: Weil man es der Industrie erlaubt, aber auch weil sehr viele Glasflaschen in Kästen deutlich schwerer sind und somit ein Transportproblem aufwerfen. Warum gibt es keine kleineren Kästen mit gescheiten Griffen? Warum gibt es in Folien eingeschweißte Gurken? Antwort: Für viele unnötige Verpackungen sind unter anderem auch EU und nationale Vorschriften verantwortlich; wobei Verpackungen ja jetzt gerade in der Coronakrise wieder en vogue sind. Konsum macht nicht glücklich, sagen Sie. Stimmt, vielleicht. Aber ich kaufe keine verpackten Gurken oder Tomaten, weil ich im Konsumrausch bin und dadurch ein Kindheitstrauma therapeutisch aufarbeite.

Was wird passieren, wenn die Müllgebühren richtig wehtun? (Das ist jetzt meine Frage.) Antwort: Dann wird noch mehr Müll in der Natur abgeladen werden als jetzt schon – siehe Parkplätze im Odenwald. Und es wird nicht genug Aufsichtsmöglichkeiten geben, dies wirksam zu verhindern. Herr Geiger, Ihr Anliegen in allen Ehren, aber der Ansatz ist verkehrt. Am Anfang der Kette muss der Müll vermieden werden, nicht am Ende, weil ich als Verbraucher bestelle ja nicht Müll, sondern Ware. Ich erhalte Müll allerdings oft genug als unerwünschte und überflüssige Beigabe. Müllvermeidung auf den Endverbraucher abzuwälzen und ihn auch dann noch dafür zur Kasse zu bitten – schließlich muss es ja wehtun – ist perfide. (von Rolf Menz, Wilhelmsfeld)

Vor wenigen Wochen durfte Georg Müller, Chef der MVV, in einem Interview mit dem „MM“ die frohe Nachricht verkünden, dass die Müllverbrennungsanlage an das Fernwärmenetz angeschlossen wird und dadurch hundertprozentige grüne, das heißt, CO2-freie, Wärmeenergie in das Fernwärmenetz eingespeist wird. Die von der Bundesregierung beschlossene Abschaltung des GKMs sei daher kein wirkliches Problem für die MVV. Nun begrüßt der „MM“-Redakteur Martin Geiger freudig, dass die Müllgebühren, durch die Einbringung der Müllheizkraftwerke in den Emissionshandel für CO2, erheblich steigen werden. Diese Erhöhung der Müllgebühren sei gerechtfertigt, um das Klima auf der Erde zu retten.

Fernwärme der MVV „grün“

Offensichtlich ist das Bundesumweltministerium, im Gegensatz zu dem Chef der MVV, der Meinung, dass bei der Verbrennung von Restmüll in den Müllverbrennungsanlagen CO2 entsteht. Diese CO2-Mengen werden über den Emissionshandel mit Gebühren belegt, was natürlich wiederum steigende Müllgebühren zur Folge hat. Das Energieunternehmen MVV, mit vielen Energieexperten in seinen Reihen, vertritt hier eine eindeutig andere Position. Der „MM“ sollte der MVV die Gelegenheit geben, zu erklären, warum die Fernwärme aus dem Müllheizkraftwerk „grün“ ist und eine Erhöhung der Müllgebühren nicht erforderlich ist. (von Franz Grossmann, Mannheim)

Die Jubel-Arie auf die voraussichtliche Erhöhung der Müllgebühren, die als Kommentar von Martin Geiger am 19. September im „Mannheimer Morgen“ zu lesen war, ist einerseits bemerkenswert, passt andererseits aber zu einem für ein bestimmtes politisch-ideologisches Milieu typischen Zeitgeist. Wer schon etwas älter ist, hat über die Jahre häufig durch politische Entscheidungen verursachte Erhöhungen von Müllgebühren erlebt.

Neu ist, dass die den Bürger belastende Verteuerung von Medienvertretern nicht kritisiert und in Frage gestellt, sondern überschwänglich begrüßt wird. Es soll und muss sogar „wehtun“, wenn es nach Martin Geiger geht! Schließlich wird damit die Klimaerwärmung gebremst, glaubt er, und dieses politische Ziel steht selbstredend über allen anderen und rechtfertigt jede Maßnahme. Dass es den behaupteten Wirkungszusammenhang tatsächlich gibt, wird nicht hinterfragt und bedarf aus dieser „grünen“ Perspektive keines Nachweises.

Und ob die Einbeziehung der deutschen Müllheizkraftwerke in den Emissionshandel überhaupt einen messbaren Effekt auf das globale Klima haben wird, spielt anscheinend auch keine Rolle mehr. Hauptsache, es wird hierzulande etwas getan, das Symbolwirkung hat, den Bürger und Verbraucher Verzicht lehrt und ihm „wehtut“, auch wenn eventuelle minimale CO2-Einsparungen in Deutschland im globalen Maßstab bedeutungslos sind und in anderen Teilen der Welt massiv überkompensiert werden.

Ging es für die Politik gestern noch darum, das „gute Leben“ und die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Mittelpunkt zu stellen, geht es heute zunehmend um Verbote und Verzicht! „Konsum macht nicht glücklich“, sagt Herr Geiger und behauptet, das sei doch längst erwiesen. Woher er diese Erkenntnis hat, bleibt allerdings im Dunkeln. Die empirische Forschung, die es zu dieser Frage gibt, kommt zu anderen Ergebnissen. Die Lebenszufriedenheit steigt nach wie vor nicht nur mit dem Einkommen, sondern auch mit den Ausgaben für den Konsum! (von Heinz-Herbert Noll, Ladenburg)

Guten Tag Herr Geiger. Danke, dass Sie mir als Abonnent und damit als Teil Ihrer Lohnquelle wünschen, dass meine Kosten steigen und es mir wehtun muss. Was zahle ich blöder Deutscher nicht schon alles durch mich, meine Steuern und durch die Regierung auf diesem Globus. Seit wie vielen Jahren arbeiten Sie? Haben Sie ein Haus gebaut? Kinder groß gezogen? Angehörige gepflegt? Und immer schön bezahlt, weil man als deutscher Arbeitnehmer vieles selbst bezahlen muss? Warum muss es „wehtun“? (von Sven Nitsche, Neulußheim)

Danke, Herr Geiger, für Ihren mutigen Kommentar. Viel zu oft höre ich beim Thema Klimaschutz nur Lippenbekenntnisse nach dem Motto: Wasch mich, aber mach mich nicht nass. „Warum Deutschland, wo doch China, die USA, Indien. . .? Sollen die doch erstmal anfangen“ und so weiter. Konsum macht nicht glücklich.

Reduktion statt Wachstum

Dennoch scheint die Illusion zu bestehen, dass die Wachstumswirtschaft und der Wegwerfkonsum ewig so weitergehen könnten, nur eben irgendwie „nachhaltiger“ und dafür sollen bitte andere sorgen. Die Technik wird es richten. Das Co2 wird schon irgendwie aus der Luft gefiltert werden können, wir lassen uns doch unseren Kurztrip per Flugzeug nicht verbieten. Nein, es wird und muss wehtun. Finanzieller Schmerz scheint am besten zu wirken. Leider. Letztendlich wird es um Reduktion statt Wachstum gehen. Um Regeneration statt Verbrauch. Vielleicht stellen wir irgendwann fest, dass das doch gar nicht so weh tut. (von Petra Schenck, Schwetzingen)

Werter Herr Geiger. Sind Sie tatsächlich der Meinung, dass Müllgebühren, Benzin und so weiter wirklich immer teurer werden müssen und den Bürgern es wehtun muss? Leider denken Sie nicht an die Bürger, die sich so gerade über Wasser halten können und schauen müssen, wie sie und von was sie noch gerade leben können. Deshalb kann und will ich ihr Gerede von „wehtun“ nicht akzeptieren. Zudem ist vieles eine reine Abzockerei, das man bei genauem Hinsehen auch erkennen kann. (von Werner Treu, Wiesloch)

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/3clMrpu