Leserbrief

Leser schreiben zum Thema Inklusion

Zum Debattenbeitrag „Wie sinnvoll ist Inklusion wirklich, Herr Ullmann?“ vom 24. August:

Der Beitrag von Herrn Ullmann ist für das Thema Inklusion völlig überflüssig und nichtssagend. Als Deutschlehrer, der ich früher war, würde ich den Beitrag kommentieren mit der Bemerkung: Thema verfehlt! Herrn Ullmanns Beitrag ist vielleicht lesenswert unter dem Aspekt „schlechter (Sport)unterricht“ oder „Umgang mit Diversität im (Sport)unterricht“. Die Situation, die Herr Ullman mit den beiden Protagonisten Lukas und Tobias schildert und sie unter dem Aspekt Inklusion verkauft, ergibt sich doch in jedem Sportunterricht – schon zu einer Zeit, als es das Wort Inklusion noch gar nicht gab.

In jeder Sportgruppe, die aus einer Schulklasse gebildet wird, gibt es die hochtalentierten, beweglichen, schlanken, trainierten und begabten Schülerinnen und Schüler – egal ob beim Ballspiel, beim Turnen, in der Leichtathletik. Und es gibt die adipösen, motorisch ungeschickten, körperlich langsamen Schülerinnen und Schüler, die dennoch – oder gerade deshalb – einen anspruchsvollen und qualitativ hochwertigen Sportunterricht brauchen. Wie kann denn Lukas seine Dribblings, Druckpässe und Korbleger „dynamisch, erfolgsorientiert und temporeich“ durchführen, wenn er auf einen dicken Mitschüler Rücksicht nehmen muss oder auf einen, der wegen einer starken Brille nicht so schnell und gut sehen kann?

Oder soll er dazu erzogen werden, überhaupt keine Rücksicht auf andere nehmen zu müssen, die nicht so hochtalentiert und durchtrainiert sind wie er? Eine fachlich interessierte und pädagogisch human denkende Sportlehrkraft wird sich überlegen, wie sie den Schüler Lukas mit seinen besonderen dynamischen Talenten fördern und fordern kann.

Genauso wird sie überlegen, wie sie den Schüler Tobias fördern und fordern kann. Denn dieser ist ja mit seiner Fähigkeit, im Rollstuhl Basketball spielen zu können, auch besonders talentiert. Ob Lukas das kann? Und ob die dickeren oder langsameren Mitschüler das könnten? Jede fachlich interessierte und pädagogisch human denkende Fachlehrerkonferenz Sport würde überlegen, wie sie neben dem „normalen“ klassenorientierten Sportunterricht Talente und Sonderbegabungen fördern und fordern kann.

Wenn die Auswirkung des Sportunterrichts in der Klasse, wie sie Herr Ullmann schildert, bei den beiden Protagonisten Lukas und Tobias tatsächlich die genannten Reaktionen (Lukas: sich verstellen, sich unwohl fühlen, der Lehrkraft nach dem Munde reden. Tobias: Störfaktor, ständig unbequem im Mittelpunkt) hervorruft, sollte Herr Ullmann in diesem Fall die Kompetenz der Sportlehrkraft und ihre Umsetzung inklusiver Anforderung hinterfragen und nicht die Inklusion.

Noch eine Anmerkung zur Inklusion: Sie ist, wie Herr Ullmann behauptet, kein Mainstream, der mehr oder weniger ideologiebesetzt realisiert werden kann, sondern sie ist ein Menschenrecht, um dessen Umsetzung sich jede human, demokratisch und tolerant denkende und handelnde Lehrkraft bemühen muss. Dort wo Inklusion nicht funktioniert – und das gibt es ab und zu tatsächlich – liegt es daran, dass die Lehrer nicht entsprechend ausgebildet werden, dass sie auf diese Aufgabe inhaltlich nicht genügend vorbereitet werden und durch Fort- und Weiterbildung nicht genügend begleitet werden, dass sie ihre Fragen, Bedenken und Unsicherheiten nicht in einer begleitenden Supervision professionell reflektieren können und dass die inklusiv arbeitenden Schulen nicht angemessen ausgestattet und beraten werden.

Es liegt in den seltensten Fällen an den Lehrkräften, die sich oft sehr bemühen, es liegt manchmal an den Eltern, die oft nicht gut informiert sind, es liegt nie an den Kindern – und es liegt schon gar nicht an der Inklusion an sich.

Hans-Jürg Liebert, Mannheim

Wieso stellt Ihre Zeitung diese Frage an Herrn Ullmann? Erstens ist die Frage überflüssig, da Inklusion ein fest verankertes Menschenrecht ist, das in der UN-Konvention festgeschrieben und unter anderem von Deutschland nach Rücksprache mit allen Bundesländern ratifiziert wurde. Zweitens leuchtet nicht ein, warum man sie Herrn Ullmann stellt. Als Diplom-Pädagoge, der Sportlehrer ausbildet, scheint er von der täglichen Unterrichtsrealität an inklusiven Schulen wenig Kenntnis zu haben.

Seit 1995 habe ich in Rheinland-Pfalz zuerst im Schulversuch und später im Regelbetrieb in inklusiven Lerngruppen gearbeitet, auch in dem vom mir studierten Fach Sport. Meine Kollegen und Kolleginnen und ich haben auf Augenhöhe mit den Kindern und Jugendlichen agiert. Sie waren es gewöhnt, sich an der Gestaltung des Unterrichts zu beteiligen und auch kritische Beiträge zu leisten. Dieses Umgehen auf Augenhöhe scheint Herrn Ullmann unbekannt, sonst könnte er nicht für Lukas und Tobias beklagen, dass ihnen das unmöglich gemacht wird, „das eigene sportliche Leistungsvermögen weiter zu entwickeln und ein authentisch-stabiles Selbstwertgefühl aufzubauen“.

Diese Behauptung ist ein Angriff auf die vielen Lehrkräfte, die täglich in Zusammenarbeit mit den Schülern Handycaps offen ansprechen – bei allen, nicht nur bei den sogenannten Behinderten – und gemeinsam mit allen Beteiligten nach Lösungen suchen. Beim Basketball neue Regeln finden, in verschiedenen Gruppen quer in der Halle spielen, „Nicht alle tun dasselbe zur selben Zeit“ umsetzen und vieles mehr.

Ich habe erfahren, dass die Kinder und Jugendlichen diese Aufgabe sehr ernst nahmen und teilweise zu für uns sehr überraschenden Lösungen kamen. Auch beim Wissen zur UN-Konvention scheint Herrn Ullmann entgangen zu sein, dass es eine Monitoringstelle gibt (angesiedelt beim Institut für Menschenrechte in Berlin), die die Umsetzung der Konvention kontrolliert und für Deutschland regelmäßig bemängelt, dass das deutsche gegliederte Schulsystem und die Unterrichtung von „Behinderten“ in Sondereinrichtungen der UN-Konvention widerspricht. (Barbara Edel, Mannheim)

Großes Lob für diesen differenzierten Beitrag zu diesem sehr komplexen Thema! Als Kinder- und Jugendpsychiater kann ich Herrn Ullmanns Bewertung nur unterstreichen: Eine „unzureichende Fördersituation macht Schüler ohne und mit Behinderung zu Verlierern der Inklusion“. Das im Beitrag anschaulich beschriebene Fallbeispiel mit „Lukas“ und „Tobias“ unterstreicht die Bedeutung des von Ullmann zitierten Grundsatzes: „So viel Inklusion wie möglich – so viel Differenzierung wie nötig“.

Andreas Wacker, Bensheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/34cGJSu

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