Leserbrief

Leser über die Schüler-Demos

Zum Pro & Kontra „Darf man für Klimaschutz die Schule schwänzen?“ vom 15. März:

An sich ist es ja löblich, wenn Jugendliche sich für das Klima einsetzen. Nur wer ist überhaupt der Adressat, wenn Schüler während des offiziellen Unterrichts auf die Straße gehen? Morgens bei Schulbeginn und am Nachmittag bei Schulende stapeln sich vor den Schulen die Autos der gefahrenen Schüler, das Leid der Anwohner über den Abgasterror zählt hier nicht. Da hilft es doch der Umwelt enorm, wenn diese Kids zur Schule laufen beziehungsweise mit dem Fahrrad anreisen würden.

Natürlich muss das Handy 24 Stunden parat sein, aber warum eigentlich? Nachts könnte man es doch ausschalten und schon hat man nicht nur viel Energie gespart, sondern auch der Erderwärmung entgegengewirkt. In Summe könnte dann ein Kraftwerk abgeschaltet werden. Das sind nur zwei Beispiele von ganz vielen, was der Einzelne für das Klima tun kann. Der beste Klimaschutz ist immer noch das Energiesparen. Nur immer auf Andere zeigen, hilft wirklich wenig. Vor allen Dingen, auf wen? (Wolfgang Lutz, Ludwigshafen)

Ich bin stolz auf die jungen Menschen, die sich für ihre und unsere Zukunft engagieren und mit ihrem Protest die Älteren und insbesondere die Politiker darauf aufmerksam machen, was diese seit Jahrzehnten versäumen. Und ich finde es richtig, dass sie dies während der Unterrichtszeit und nicht brav nach der Schule tun, was nach Meinung einiger Politiker besser wäre. Nur so erfahren sie die nötige Aufmerksamkeit. Bravo und weiter so, bis sich etwas ändert! Wir Älteren sollten sie dabei unterstützen und nicht maßregeln. (Margit Brumm, Ludwigshafen)

„Wer nach den Sternen greifen will, muss die Hände aus den Taschen nehmen.“ Genau das machen die demonstrierenden Schüler. Ich finde die Argumentation von Herrn Alfter außerordentlich schwach und polemisch, ein sichtbarer Triumph eines Bauchgefühls über den Verstand: „Pennäler, die sich im Zweit-SUV der Mama zum Ort des Geschehens kutschieren lassen.“ Es ist korrekt: „Die Natur demonstriert für sich selbst.“ Herr Alfter hat aber anscheinend noch nicht verstanden, dass wir uns die Wohlfühlzone, in der wir uns seit Jahrzehnten aufhalten, in Zukunft nicht mehr werden leisten können. 

Nebenbei sei noch erwähnt, dass ein Schüler, der Unterricht versäumt, sei es durch Krankheit und oder Demonstration, den Stoff selbstständig nachholen muss. So haben diese Schüler durchaus eine Mehrarbeit. Ich frage mich außerdem, ob Herr Alfter die Umweltaktivitäten, die er von den Schülern erwartet, selbst zu leisten willens ist. Auch für diese Demonstrationen gilt: „Ein Wegweiser muss nicht dort stehen, wo er hin zeigt.“ (Wolfgang Weber, Mannheim)

Redaktionsmitglied Stephan Alfter hält in seinem Kommentar die Klimastreiks der Schüler von „Fridays for Future“ nicht für glaubwürdig und gibt dafür fiktive Beispiele an („...wenn sie sich im Zweit-SUV der Mama zum Ort des Geschehens kutschieren lassen“). Nehmen wir einmal an, es wäre tatsächlich so: Hätten die Schüler damit das Recht verwirkt, die Untätigkeit der Bundesregierung beim Klimaschutz anzuprangern? Den Klimaschutz, dessen Notwendigkeit die aktuelle junge Generation am wenigsten selbst zu verantworten hat?

Als Angela Merkel noch eine „Klimakanzlerin“ war, waren die Organisatoren von „Fridays for Future“ bestenfalls in der Grundschule. So lange ist das her. Der Streik ist ein Mittel von zivilem Ungehorsam. Das ist unbequem, ja. Aber wo ständen wir eigentlich als Gesellschaft, wenn sich immer alle Menschen schön brav an die Vorgaben der Obrigkeit gehalten hätten? Sicher lebten wir dann nicht in einer Demokratie.

2017 haben wir Martin Luther und 500 Jahre Reformation gefeiert. Aber ein Musterbürger war er aus Sicht der damals Regierenden sicher nicht. Die Meinung, dass man nur gegen/für etwas protestieren oder sich mit zivilem Ungehorsam einsetzen darf, wenn die eigene Weste quasi fleckenfrei ist, ist eine geradezu unmenschliche Forderung. Wer von uns kann das erfüllen?

Wie widersprüchlich eine solche Meinung ist, zeigt übrigens auch die Samstags-Ausgabe des „MM“ vom 16. März: Da wird einerseits umfassend über die Klimaschutz-Demonstrationen am 15. März berichtet, und dann wird auf der Seite „Auto&Verkehr“, wie fast jede Woche, irgendein PS-Bolide (gerne SUV) angepriesen. Diese Autos dürfen überhaupt nur auf die Straße, wenn die Hersteller zum Ausgleich auch Fahrzeuge anbieten, die entsprechend niedrige Werte haben, damit der Durchschnitt der Flotte auf die 120 g/km CO2-Ausstoß kommt. Aber natürlich darf der „MM“ deswegen trotzdem über Klimaschutz informieren und berichten.

Statt uns also damit zu beschäftigen, ob die Streiks zulässig sind oder nicht, muss jetzt endlich entschlossen beim Klimaschutz gehandelt werden. Dabei geht es nicht nur um die Energieerzeugung, sondern auch um die Bereiche Verkehr, Landwirtschaft und Wärmedämmung/Energieeinsparung. Die Bundesregierung hat mit ihrem neu gebildeten Klimakabinett und der für 2019 angekündigten Klimaschutzgesetze noch eine letzte Chance, mit dem Klimaschutz ernst zu machen und Verantwortung für diese junge und künftige Generationen zu übernehmen. (Holger Förter-Barth, Frankenthal)

Würden die Bewohner der Malediven, Samoas und weiterer kleiner Inselstaaten oder die Menschen im Süden Bangladeschs protestieren, weil man ihre Zukunft klaut, so hätte ich vollstes Verständnis. Der weitaus größte Teil der hier demonstrierenden Jugendlichen besucht ein Gymnasium. Erfahrungsgemäß werden zahlreiche dieser Jugendlichen nach dem Abitur den sogenannten Abistress kompensieren, indem sie als Rucksacktourist nicht die heimischen Küstenregionen oder die Mittelgebirge erwandern, sondern auf der Basis eines Schnäppchenflugs entfernte Regionen unterschiedlicher Erdteile besuchen. Ein anderer Teil der gestressten Bildungselite wird sein soziales Engagement in einem Freiwilligen Sozialen Jahr in Costa Rica ausleben, um niedlichen Schildkröten den Start ins Leben zu erleichtern, oder in einem Kindergarten im Rahmen von Teaching & Sports Education Freiwilligenarbeit auf Fidschi leisten.

Natürlich böte sich auch die Möglichkeit, ein freiwilliges soziales Jahr in einem Altersheim, Pflegeheim beziehungsweise anderen sozialen Einrichtungen der Region zu leisten, aber das ist nicht elitär. Und wenn die Selbstfindung in der großen weiten Welt abgeschlossen ist, dann kann man ja mit Hilfe des Erasmus-Programms an zahlreichen europäischen Universitäten studieren, und nicht alle sind preisgünstig und ohne größeren Zeitaufwand mit europäischen Bahnlinien zu erreichen.

Aber das macht ja nichts, denn es gibt ja in der Zwischenzeit den modernen Ablasshandel namens Atmosfair. Mag ja sein, dass mit dem Ablass eines Fluggastes ein oder zwei Bäumchen gepflanzt werden, die dann in zehn bis 15 Jahren helfen, die CO2-Bilanz zu verbessern. Aber die negative Bilanz durch den Flug geschieht jetzt. Und lauten die werbewirksamen Schilder der demonstrierenden Jugendlichen nicht etwa „Die Zeit rennt, ihr pennt“ oder „Die Dinos dachten auch, sie hätten Zeit“? Wahrlich, es gab schon schlechtere Zeiten für unsere junge Bildungselite.

Wie man von der Gesellschaft ein hohes Maß an Umweltbewusstsein fordern kann, ohne sich selbst im privaten Bereich groß einschränken zu müssen, zeigt uns die „Klimaaktivistin“ Luisa Neubauer. Zugegebenermaßen weiß sie sich gut in Szene zu setzen, weiß auch, wie man die Medien für das eigene Profil instrumentalisieren kann. Erst 22 Jahre alt, hat sie trotzdem wegen ihrer Reisen nach Kanada, China, Marokko, Indonesien, Namibia, Tansania und so weiter schon jetzt einen größeren ökologischen Fußabdruck als der Durchschnittsbürger. Das schlechte Gewissen beruhigt sie mit Ausgleichszahlungen und hat vor kurzem noch schnell ihre Fotoserien bei Instagram gelöscht. (Jürgen Hebling, Schriesheim)

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2HFg4pa