Leserbrief

Leser zur Baumschutzsatzung

Zum Artikel „Kampf gegen den Kahlschlag“ vom 3. Juni:

Es war einmal eine Schöne in Mannheim. Anfangs zart und zerbrechlich, wuchs sie nach und nach stattlich heran. Von nah und fern kamen Freunde zu Besuch und Fremde, um zu staunen. Denn je älter und reifer die Schöne wurde, umso mehr erstrahlte ihre adlige Erscheinung: glatter, grauer Stamm, eine mächtige Krone aus blutrotem Laub. Niemand getraute sich, ihr einen Namen zu geben. So hieß sie einfach: Die Blutbuche! Die Lieblingsfreunde setzten durch, dass man sie mit einem (vom Schlosser extra angefertigt) schmucken Zaum umgab, und stellte sie unter den höchstmöglichen Schutz gegen Schnitzer und Herzchenritzer. Da waren alle lange glücklich.

Doch dann erschien eines Tages der Schwarze Ritter S. aus M. Er hatte längst ein Auge auf die Schöne geworfen; denn die ganze Umgebung hatte es ihm angetan. Ein Wohnkomplex musste seine nächste Eroberung sein. Doch da war Blutbuche ihm arg im Wege. Jetzt war guter Rat teuer. Ein Baum unter besonderem Schutz der Stadt – was sollte das denn.

Da zog der Ritter sein langes Schwert, ritt zügig an und rief: „Nieder mit dem blöden Naturschutz! Ich will meinen riesigen Bunker bauen!“ Doch wirklich wurde er zitiert: „Wenn ich den Baum umbauen soll, wird das für mich zu teuer und lohnt nicht mehr. Der muss weg!“. Da weinten die Bürger, und die Hohen Priester schauten verschämt zur Seite und machten es wie Pilatus.

Jetzt gibt es wieder eine neue Baumschutzverordnung in Mannheim, und alle Bäume, die noch nicht ausgeguckt sind, sollten sich tunlichst hinter einem anderen verstecken, da schon länger wieder Schwarze Ritter mit reich gefüllter Schatulle unterwegs sind. Und Hohe Priester gibt es noch immer. Und immer geht es um „Holzkohle“. (von Jürgen Althoff, Ludwigshafen)

So sehr man die neue Baumschutzsatzung (BSS) begrüßen kann und muss, kommt sie leider viel zu spät. Denn in den letzten Jahren wurden schon alle Lücken in den Quadraten zugebaut und nachverdichtet, mit den bekannten Fällungen alter und gesunder Bäume in T 4/5, R 6, R 7, Q 5, Q 6, B 6, L 6, C 7, J 4, L 9, Glücksteinquartier. Jetzt, wo es kaum einen alten Baum mehr in der Innenstadt zu schützen gibt, nutzt die neue Satzung wenig. Wie so oft, kommt die Einsicht leider immer erst, wenn’s schon zu spät ist. Nachpflanzungen brauchen viele Jahrzehnte, um alte Bäume zu ersetzen. Ob die neue BSS die Bäume im Schlossgarten, am Viktoriaturm oder an der Schafweide schützt – die Zukunft wird’s zeigen!

Im Übrigen gibt es noch den Ausnahmeparagrafen 6 der BSS, der Fällungen bei Unzumutbarkeit (Verschattung und so weiter) weiterhin erlaubt. Wenn man dann direkt in die Baumreihen regelrecht hineinbaut, wie in der Heinrich-Lanz und Reichskanzler-Müller-Straße zu sehen ist, graut es mir jetzt schon vor den künftigen Fällungen dort.

Auch hinsichtlich der immer wieder genannten Dach-/Fassadenbegrünungen hege ich große Zweifel, ob all die neuen Gebäude (Keplerquartier, Glückstein, B 6) in irgendeiner Weise begrünt werden. Man braucht ja schließlich die Dachflächen für technische Installationen wie Klimaanlagen, Fahrstühle und so weiter, obwohl auf den Werbetafeln an den Bauzäunen immer alles schön grün angemalt ist. Fassadenbegrünung ist laut dem Investor der Postspitze 3 (Hotels) eh nur kostspielige „Folklore“ (öffentliche Aussage im Bezirksbeirat). Da jetzt in der Innenstadt kaum mehr alte Bäume zu schützen sind, kann es zumindest nicht mehr viel schlimmer werden. (von Karlheinz Sausbier, Mannheim)

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/2XCq2fx

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