Leserbrief

Leser zur Beilage „Meine Heimat“

Zur Heimat-Beilage vom 3. Juli:

Mit Interesse habe ich die Heimat-Beilage Ihrer Zeitung gelesen. Schade fand ich allerdings, dass unter der Rubrik Fußball nur der SV Waldhof erwähnt wurde. Schließlich gibt es auch noch einen VfR Mannheim, der immerhin 1949 Deutscher Fußballmeister war.

Meiner Ausgabe Ihrer Zeitung lag eine umfangreiche Beilage mit dem Titel „Meine Heimat“ bei. Ich fand das äußerst irritierend: Springt jetzt der „Mannheimer Morgen“ auch auf diesen Zug auf, der da „Heimat“ heißt? Warum „schabe“ ich mich an diesem Begriff? Im Gegensatz zu den Grußworten des verantwortlichen Redakteurs bin ich durchaus nicht der Meinung, dass es sich hierbei um einen harmlosen, nur positiv besetzten Begriff handelt.

Ich betrachte das geradezu inflationäre Auftreten von „Heimat“ in der letzten Zeit dagegen als einen wohl eher hochpolitischen Akt, mit dem gewisse konservative Kreise ihre Wählerschaft bei der Stange halten wollen. Und um denen zumindest diesen Wind aus den nationalistischen Segeln zu nehmen. Alles wohl ein „Kollateralschaden“ des Wiedererstarkens der nationalen politischen Kräfte in Deutschland, ja, überall in Europa?

In meinem Verständnis wird dabei versucht, ein rückwärtsgewandtes Bild zu erzeugen von einem „Wohlfühl-Zustand“, der irgendwann einmal irgendwo vorgeherrscht haben soll. Darin waren alle (die dazugehörten) lieb und freundlich zueinander, kümmerten sich umeinander, sprachen „uff de Gass“ alle den gleichen Dialekt, gingen sonntags alle in die entsprechend richtige Kirche und hinterher in die „Wirtschaft“.

Alle Männer hatten sichere Arbeitsplätze „beim Benz“, „beim Lanz“, „bei der Anilin“, bei „der Bahn“ oder sonst wo – so wie Vater und schon Großvater. Die Mütter zogen die Kinder auf und waren zuhause „berufstätig“. Afrika war weit weg und der Rest der bösen Außenwelt auch. Die „Heimat“ war unser, Menschen mit anderer „Heimat“ waren selten willkommen. Dies ließe sich endlos weiterspinnen, führt aber nirgendwo hin. Denn das stimmt einfach nicht, stimmte nie. Von den Nachteilen dieser „Alten Heimat“ soll hier nur ganz kurz gesprochen werden: Denken wir nur an die beengten und einengenden Lebensverhältnisse, sowohl an die materiellen, wie an die geistigen. Und an die soziale Kontrolle, die überaus wirksam und ständig präsent war.

Man kommt bei diesen Betrachtungen nicht umhin, von „reiner Sozialromantik“ zu sprechen. Und dahin sollen/wollen wir uns bewegen, „back to the future“ sozusagen? Das kann nicht die Lösung sein, das können wir nicht wollen! Wäre es nicht sinnvoller, anstatt rückwärtsgewandt einer Zukunft entgegenzublicken, sich eher damit zu beschäftigen, wie man unter den gegebenen und nicht mehr zurückzudrehenden gesellschaftlichen Bedingungen Überlegungen für eine weitere Gestaltung mit Blick nach vorne anstellt?

„Heimat“ lässt sich nicht künstlich erzeugen, nicht planen. „Heimat“ entsteht durch menschliches Verhalten. Sollte deshalb an die Stelle eines künstliches „Heimat-Ministeriums“ nicht besser ein „Zukunfts-Ministerium“ treten, das Überlegungen für ein lebenswertes Zusammenleben unter zu erwartenden Bedingungen anstellt und dafür (vor-) sorgt? Die Zeiten waren schon immer schwierig. Und sie werden nicht weniger stürmisch werden, garantiert nicht!