Leserbrief

Lob und Kritik für Merkel

Zum Kommentar „Wie lange noch?“ vom 28. Dezember:

Leider wird immer noch bei passender Gelegenheit das Märchen von der destruktiven Rolle Christian Lindners (und der gesamten FDP-Bundestagsfraktion, die ihn einstimmig unterstützt hat) bei den „Jamaika-Sondierungsgesprächen“ aufgewärmt. Darum noch einmal in aller Klarheit: Das Ergebnis der von Angela Merkel geführten Sondierungsgespräche sollte eine schwarz-grüne Koalition sein, bei der der FDP allein die Funktion des Mehrheitsbeschaffers zugedacht war. Nicht vorgesehen war, irgendeines der programmierten liberalen Ziele für die dringend notwendige Modernisierung Deutschlands zu verwirklichen. Ein Politiker, der sich seinen Wählern gegenüber verantwortlich fühlt, konnte nichts anderes tun als aus diesen übrigens auch noch konzeptlos und schlecht moderierten Verhandlungen „auszusteigen“.

Im Gegenzug will ich an drei Punkten ausführen, warum die FDP durch diese Entscheidung eine sehr konstruktive Rolle gespielt hat: Sie hat erstens das beabsichtigte „Weiter so“ und das wirre Durchwursteln der „großen Koalition“ mindestens erschwert – vermutlich leider allerdings nicht unmöglich gemacht. Sie hat zweitens offensichtlich das Ende der Regierung Angela Merkels eingeleitet, die mit Fug und Recht als der mit Abstand schlechteste Kanzler bezeichnet werden kann, den die Bundesrepublik Deutschland in ihrer nun beinahe 70-jährigen Geschichte je hatte. Sie hat drittens dafür gesorgt, dass das die Deutschen am meisten interessierende Thema – die illegale Migration und die (schleichende) Aufgabe rechtsstaatlicher Grundsätze – auf der Tagesordnung bleibt.

Hat Herr Kolhoff persönliche Gründe, in seinem Kommentar zig mal den Abgang von Frau Merkel zu fordern? Er nimmt eine Momentaufnahme in einer Umfrage des Instituts YouGov als Anlass. Man mag zu den Entscheidungen und der Art von Frau Merkel als Bundeskanzlerin seine Meinung haben, und es gibt immer Licht und Schatten, auch Fehler.

Führende Nation

Aber wenn man sieht, dass Deutschland sowohl politisch, als auch wirtschaftlich zu den führenden und angesehenen Nationen gehört, dass wir für unsere Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit und Humanität in der ganzen Welt gelobt und geachtet werden und uns diplomatische Vermittlerrollen zugetraut werden, dann kann die Politik von Frau Merkel so schlecht nicht sein, denn daran hat sie auch einen großen Anteil. Und wer soll denn aktuell Ihren Part aus CDU oder SPD übernehmen? In einer Welt, in der in vielen Nationen Personen mit Testosteron-Überschuss einen Porzellanladen nach dem Anderen zertreten, ist doch gerade ihre besonnene, ruhige Art gefragter denn je. Stereotype Abgesänge aus der Schublade des Kommentators für nachrichtenarme Zeiten wirken fast schon ideenlos.

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2qnbRij