Leserbrief

„Mama, glaubst Du, die Welt wird gerettet?“

Gedanken einer Mutter:

Meine Zwölfjährige fragte mich kürzlich unvermittelt: „Mama, glaubst du, die Welt wird noch gerettet?“ Meine Antwort war, wahrscheinlich vor Schreck über diese absolut ernst gemeinte, geradeaus und ohne Umschweife gestellte Frage, zögerlich, gestammelt, wie kalt erwischt: „Äh, ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.“ Gleichzeitig dachte ich für mich: „Nein, wahrscheinlich nicht.“ Das wollte ich aber so nicht sagen. Dieses noch recht neue Geschöpf auf dieser Welt stellte mir im Grunde die Frage unserer Zeit. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto wütender und gleichzeitig resignierter werde ich.

Natürlich erfasse ich die politischen und globalen Zusammenhänge nicht im Entferntesten. Aber ich bekomme schon Einiges mit. Unmittelbar, im Alltag. Und ich fühle mich, gelinde gesagt, verarscht. Und ich meinerseits verarsche wiederum meine Kinder. Indem ich ihnen die Himbeeren im Winter in Plastikpackungen verwehre, indem ich ihnen fast ausschließlich Second-Hand-Klamotten kaufe, indem ich sie nötige, mit dem Fahrrad mit zum Einkaufen zu kommen anstatt mit dem bequemen Auto, indem vier Familienmitglieder nacheinander im gleichen Badewasser ihren Körper reinigen mit möglichst wenig Shampoo und Duschgel und Mikroplastik, gerne auch mal mit verpackungsfreiem Shampoo als Seifenstück für zehn Euro, indem ihre Wäsche nicht mehr duftet, weil ich keinen Weichspüler mehr verwende, indem die Kleine selbstverständlich die Klamotten der Großen aufträgt (das ist dann Third Hand!), indem ich auf unvermeidlichen Autofahrten die Klimaanlage erst ab 35 Grad Außentemperatur anschmeiße, indem es öfter mal das gleiche Essen nacheinander in leicht abgewandelter Form gibt, weil ich nichts wegwerfen möchte, indem ich nicht müde werde, zu betonen, wie schrecklich die AfD ist und dass es normal ist, niemanden aufgrund irgendeines äußeren Merkmals (von tätowierten Hakenkreuzen einmal abgesehen) vorzuverurteilen – und Fleisch kaufe ich auch keines.

Das sind noch nicht alle Dinge, die wir tun. Und all das ist auch nicht wirklich groß von uns, das Schlimme ist, dass es sich wie ein Kampf gegen Windmühlen anfühlt. Ich bin so sauer, traurig und verzweifelt, dass ich meiner Tochter nicht in ihre unverbrauchten, zuversichtlichen großen Augen schauen und voller Überzeugung sagen kann: „Natürlich wird die Welt gerettet! Wir müssen nur alle zusammenarbeiten und dieses unglaubliche Geschenk des Lebens wertschätzen, Mutter Erde respektieren und lieben und schon ist alles gut!“ So läuft das aber nicht.

Die Welt ist voll von raffgierigen, egomanischen Kriegstreibern ohne Skrupel, die auf allen Ebenen am längeren Hebel sitzen und jeden noch so kleinen Versuch, etwas zu verbessern, im Keim ersticken. Sie sitzen in der Wirtschaft, sie sitzen als (oftmals religiös verblendete) Diktatoren und Despoten in Drittweltländern, manchmal auch in der ersten und zweiten Welt, pfeifen auf Menschenrechte, schrecken selbst vor kindlichem Leid nicht zurück und nicht vor der Zerstörung der Natur, unserer aller Lebensgrundlage. Da ist das alberne deutsche Klimapaket noch das kleinste Problem.

Ich bin in den 1970ern geboren und mit dem Gefühl aufgewachsen, die da oben machen schon alles richtig, die haben das gelernt und die wollen, dass es uns da unten gut geht: Nein, so ist es wohl doch nicht. Und zwar offensichtlich nirgendwo auf der Welt. Die da oben kämpfen in weiten Teilen gegen die da unten. Vieles müssen die da unten selbst in die Hand nehmen. Im Jemen sterben täglich viele Kinder an Hunger, weil die da oben einfach den Krieg nicht beenden. In Australien sterben unzählige endemische Tiere, weil der Klimawandel voranschreitet. In westlichen Ländern sind die da oben immer öfter Rechtspopulisten. Der Amazonas brennt, weil der dortige „da oben“ die Bauern aus Geldgeilheit dazu anstiftet.

Einfach alles läuft aus dem Ruder. Ich werde trotzdem keine Himbeeren in Plastik kaufen. Und auch die vielen anderen kleinen Dinge werde ich weiterhin tun, um etwas besser zu machen als die, die es eigentlich besser wissen müssten. Ich will nicht glauben, dass es zu spät ist.

Jetzt kann ich mir die Klugscheißer schon vorstellen, die mich über all die Aspekte aufklären wollen, die ich außer Acht gelassen habe. Behaltet es für Euch! Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich das Gefühl habe, ich muss mich bei meinen Kindern dafür entschuldigen, sie in eine so aussichtslose Zukunft hineingeboren zu haben. Und das fühlt sich ganz schön krass an.

P.S.: Greta Thunberg, ich finde Dich großartig! Melanie Tinter, Mannheim