Leserbrief

Medizinern eine Nase gedreht

Zum Artikel „Mehr Mediziner für das Land“ und zum Kommentar „Rezept mit Nebenwirkung“ vom 10. Juni:

Das „Neigungsprofil Landarzt“, schon die Bezeichnung ist grotesk. Es gibt nur wenige, die gerne „auf dem Land“, dörflich, wo meist nur „Kirche und Friedhof“ eine Konstante sind, arbeiten möchten. Aus gutem Grund. Die Beschwernisse sind erheblich, das Ansehen eines Allgemeinmediziners ist sowohl bei den Fachkollegen (Gebietsärzten) als auch in der gesamten Bevölkerung eher gering.

Dabei muss ich als sogenannter Landarzt ein erhebliches Wissen und Erfahrung in fast allen Fachbereichen vorhalten – viel umfassender als oft in einer Hausarztpraxis der Stadt, wo es inzwischen üblich ist, selbst bei einem „Schnupfen“ eine Zweitmeinung einzuholen. Es ist nicht angemessen, wenn der Redakteur Reinhardt, der zwar mit gutem Ansatz beginnt, dann seinen Kommentar würzt, indem er den betroffenen Medizinern (Ärzten, meist promovierte!) eine Nase dreht: „Ihr seid ja selbst schuld!“ Nach fast zehn Jahren Klinik habe ich freiwillig 24 Jahre als „Landarzt“ gearbeitet. Die Breite meiner Ausbildung und Erfahrung war mein bester Helfer.

Dem Landarzt wurde noch im 19. und beginnendem 20. Jahrhundert mit viel Respekt begegnet. Da gab es viel Stoff für Filme und Storys. Aber die Bevölkerung war damals noch vielmehr in Eigenverantwortung bezüglich ihrer Gesundheit, und es gab damals nur wenige Gebietsärzte (Fachärzte), die dann auch überwiegend an Universitäten forschten und lehrten. Das Geld war als Landarzt nicht zu verdienen (bis heute).

Vorurteil fleißig bedient

Auch heute noch leitet sich im Dünkel der „besseren Fachärzte“ der Landarzt (übrigens auch der Chirurg!) vom Feldscher ab, der Internist von der hohen universitären Bildungsebene. Entsprechend war und ist bis heute die Arroganz der meisten Gebietsärzte (Fachärzte) gegenüber den Landärzten (Fachärzte) begründet, und jenes Vorurteil wird immer noch fleißig bedient. Die Bevölkerung redet dann vom „Gutseldoktor“ und vom „Herrn Professor“. Die Politik legt hierzu, sicher nicht unwissentlich, die Grundlagen: Das beginnt mit dem Katalog der ärztlichen Leistungen, die nur bestimmte Ärzte abrechnen dürfen, die aber dennoch von den Bürgern erwartet werden, umso mehr, als der Arzt vor Ort „dafür ja auch da sei“. Wenn dies das heutige Credo sein soll, dann muss der Arztkollege, der diesen Auftrag übernimmt, auch entsprechend ausgestattet werden.

Der Allgemeinarzt als „Gatekeeper“, der Gebietsarzt auf Überweisung. So, wie heute die Ressource „Arzt“ verschlissen wird, wird das angesprochene Problem nicht zu lösen sein, Frau Bauer. (von Andreas Schott, Mannheim)

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/3d0DBfy und https://bit.ly/2BcZ47I