Leserbrief

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Mesut Özils Rücktritt als Spieler der deutschen Nationalmannschaft beschäftigt die Leser

Zur Berichterstattung rund um den Rücktritt von Mesut Özil:

Ist es denn zu fassen? Seit Tagen langweilen uns die Medien, die Politik und natürlich auch Herr Özil selbst mit wortreichen Ausführungen. Gibt es nichts Wichtigeres auf der Welt? Ich habe bloß noch darauf gewartet, dass der Fußball-Millionär anfängt, zu weinen.

Wäre er in den letzten Jahren durch fußballerisches Können aufgefallen, hätte es jetzt keine Diskussionen, egal welcher Art, gegeben. Insofern war sein Rücktritt überfällig. Auch die Herren Grindel, Löw, Bierhoff und andere Alibifußballer müssen zurücktreten. Eines fällt noch auf: Die Aussagen von Herrn Özil kamen doch erst, nachdem er sich mit Herrn Erdogan getroffen hatte. Die Debatten jetzt um diese Peinlichkeit müssen doch Herrn Erdogan Freudentränen in die Augen treiben. (Klaus Anacker, Mannheim)

Manchmal sollte man doch sein eigenes Hirn einschalten und nicht auf das vorformulierte Geschwätz von Beratern hören. Gerade wenn Özil die Würde, das Ansehen und der Respekt vor dem Präsidentenamt, dem höchsten Amt in der (nominell noch demokratisch verfassten) Republik Türkei, so viel bedeutet, wie er sagt (oder sagen lässt), dann hätte er es sich gut überlegen sollen, mit wem er auf einem Foto posiert. Allerdings verstehe ich auch seine Sorge um die Familienangehörigen in der Türkei. Da bin ich mir aber sicher, dass sein Beraterstab auch dazu eine Lösung gefunden hätte, warum Özil nicht zu einem Fototermin mit Erdogan hätte kommen können. (Rolf Menz, Wilhelmsfeld)

Mesut Özil hat zunächst einmal zu hundert Prozent recht mit seiner Kritik (auch wenn sie eher wohl von seinen Beratern stammt, mediengerecht verfasst und juristisch abgeklopft ist) an den bundesdeutschen Zuständen. Und es hilft nichts, sich an Kleinigkeiten aufzuhängen, wenn das große Ganze stimmt. Denn wir sind eine Gesellschaft, die stereotyp und immer wieder von Integrationspflicht schwätzt, die aber Türken und Afrikaner, Menschen aus dem arabischen Raum und Roma vom Balkan täglich benachteiligt: bei der Wohnungssuche, bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz, bei der Jobvergabe.

Und selbst, wenn es mit dem Job geklappt hat – stellen wir uns nur einmal 50 Banker auf einem Meeting beim privaten Gespräch in der Kaffeepause vor. Dass da jemand mit dänischen oder kanadischen Wurzeln, aus den USA oder aus Belgien darunter ist, kein Thema. Aber bei der türkischen Kollegin, beim tunesischen Kollegen schwingt die Herkunft immer mit: „Bei euch Südländern, Muslimen, Arabern und so weiter“ heißt es dann, und selbst, wenn es gar nicht abwertend gemeint ist (wirklich nicht?) – es nervt die Betroffenen, es erinnert sie täglich an ihr von außen aufgedrücktes Anderssein; das schmerzt die Eine, den Andern macht es wütend.

Und Mesut Özil hat recht mit seinem Vergleich zwischen Türken und Polen. Trotz aller dummen Sprüche über Letztere nehmen wir sie als eine Variante bundesdeutscher Realität wahr. Meine polnische Orthopädin, starker Akzent, Holprigkeiten in der Grammatik, irgendwie fällt das genauso wenig als etwas Besonderes auf, wie wenn der Handwerker, der meinen Rollladen repariert, Pole ist. Und beide sind vielleicht erst seit fünf, seit zehn, seit 20 Jahren hier. Wären sie Türken, sie könnten in der dritten Generation hier leben, wir würden ihre Nationalität noch mit Erstaunen registrieren, den sozialen Aufstieg weg vom Hilfsarbeiter ebenso.

„Ist es, weil ich Muslim bin?“, fragt Özil. Nein, muss man sagen, denn aus dem Irak zum Beispiel oder aus Ägypten können auch verfolgte Christen zu uns kommen. Ihnen geht es nicht anders als Muslimen aus diesen Ländern. Und das macht ja auch Sinn in einer Gesellschaft, in der die meisten bei der Frage nach der Religion auf einem staatlichen Formular einen Strich setzen.

Dann aber ist es ganz einfach so etwas wie ein tief verwurzelter Rassismus, der die Mittelschichtsfamilie, die eine Wohnung zu vermieten hat, vorm türkischen Mieter zurückschrecken lässt, der den Handwerksmeister oder sonstigen Personaler, der einen Ausbildungsplatz anbietet, bei einem türkischen Namen zögern lässt.

Eine böse Erkenntnis. Rassisten wollten wir doch gerade nicht mehr sein. Nur in einer Sache kann man Mesut Özil nicht recht geben. Das Foto mit Erdogan ist eine Entgleisung für jemand, der in Deutschland im Politik- oder Gemeinschaftskundeunterricht gesessen hat. Die „Zwei-Seelen-in-einer-Brust“-Theorie ist hier an den Haaren herbeigezogen. Um seine türkische Seite zu betonen, hätte ein Foto mit einem demokratischen türkischen Schauspieler, Musiker, Filmemacher genügt. Auch vor einem Foto des großen türkischen Dichters Nazim Hikmet hätte man sich zeigen können. (Joachim Wagner, Mannheim)

Wenn sich zwei Menschen ablichten lassen, so ist dies ihr gutes Recht. Auch, wenn es sich um einen Nationalspieler und einen Staatspräsidenten handelt. Wer das beanstandet, der hat ein Problem mit unseren demokratischen Rechten. Natürlich ist es jedem überlassen, die Form und den Zeitpunkt des Geschehens zu kritisieren. Verwerflich ist es vor allem, dass hier der Sport für politische Ziele missbraucht wird – von welcher Seite auch immer. Vor allem Uli Hoeneß sollte sich zurückhalten. Er hat als Fußballer nicht jeden Elfer verwandelt und wurde als Geschäftsmann vom Platz gestellt. (Carlo von Opel, Frankenthal)

Nun ist es also amtlich. Özil tritt aus der deutschen Nationalmannschaft zurück. Dass dieser Schritt mehr als überfällig ist, darüber bedarf es wohl keiner zwei Meinungen. Nur hätte dies vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) viel früher und nicht von Özil geschehen sollen. Aber dazu ist der DFB anscheinend nicht in der Lage, und wird stattdessen weiterhin von amateurhaften Funktionären geleitet. Özil ist ferner zu feige, seinen Rücktritt öffentlich zu verkünden, und teilt dies lieber per Twitter mit.

Und wie immer sind alle Deutschen die bösen Buben, und Özil – mit seinen türkischen Wurzeln – begibt sich krampfhaft in die Opferrolle. Er sollte sich lieber mal hinterfragen, wer die ganze Sache mit Schuldzuweisungen und Integrationsversagen zu verantworten hat? Wenn man in einer Deutschen Nationalmannschaft spielt oder in Deutschland lebt und den deutschen Pass besitzt, muss man die hiesigen Gesetze ohne Wenn und Aaber respektieren und danach leben und handeln. Was nicht heißt, dass man seine Wurzeln aufgeben soll. Man kann nicht in einem fremden Land leben, alle Annehmlichkeiten auskosten, aber ansonsten so leben wie in seiner Heimat. So kann Integration nie gelingen. (Gunter Engert, Mannheim)

Was nicht verboten ist, ist erlaubt. Sich mit Herrn Erdogan ablichten zu lassen, ist das Recht von Herrn Özil und durch das Recht auf freies Meinungsrecht durch das Grundgesetz gedeckt. Dazu gehört auch die Frage, ob jemand die Nationalhymne mitsingt, oder es lässt. Es ist dabei völlig gleich, ob es dem Einzelnen von uns passt oder nicht. Es ist auch nicht Sache des DFB, seine Nationalspieler politisch an die Hand zu nehmen oder zu Sängerknaben auszubilden, so lange sie sich im Rahmen des Grundgesetzes bewegen.

Und Herr Erdogan ist ja auch zudem noch unser Bündnispartner in der Nato, den wir reichlich mit Waffen beliefern. Der DFB hätte dieses Thema gleich am Anfang stornieren müssen. Jetzt sitzt er da mit dem Vorwurf des Rassismus im Genick, was angesichts der Integrationsleistungen des Verbandes absurd ist. Verantwortlich für das Desaster ist Herr Grindel, der Präsident. Das war im schlechtesten Sinne des Wortes amateurhaft. Und das war wohl auch noch nicht das Ende dieser Geschichte, die sich wohl oder übel zur Affäre auswächst, die absolut überflüssig war. (Karl-Heinz Schwarz-Pich, Mannheim)

Sehr geehrte Redaktion, zunächst spreche ich Ihnen den Dank dafür aus, dass der Beitrag von Jagoda Marinic gedruckt wurde. In der Sache bin ich einer Meinung mit Frau Marinic. Wenn auch manchmal etwas plakativ überzogen, schreibt sie, was in den letzten Jahrzehnten von den politischen Parteien und gewissen Presseorganen an Vorurteilen gegenüber Zugezogenen plakatiert wurde. Im aktuellen Fall dürfen durchaus Namen wie Maas, Gauck oder Hoeneß erwähnt werden, ohne die vielen anderen zu vergessen, die glaubten ihren Senf dazu geben zu müssen. (Hans Meder, Einhausen)

Dass sich Ehrgefühl mit Religion verbindet, ist im Islam stark verbreitet. Ich denke an den Aufruhr um die Mohammed-Karikaturen. Ständig auflodernde Konflikte in den entsprechenden Ländern, die nie zur Ruhe kommen, mögen Beweis sein für latent vorhandene Minderwertigkeitsgefühle. Es zeigt sich, wie grundverschieden und unvereinbar menschliche Mentalitäten doch sind. (Uwe Merkel, Mannheim)

Wenn Herr Özil nicht integriert wäre und Rassismus ausgesetzt, wäre er wohl nicht soweit gekommen in seiner Karriere. Man muss auch Kritik einstecken können, wenn man so bekannt ist und nicht gleich mit dem Totschlagargument Rassismus zurückschlagen. Vor der ganzen Diskussion hat er sich nie über Rassismus beschwert.

Warum wurde er angefeindet, als er sich entschied, für die Nationalmannschaft zu spielen? Das sagt vieles aus. Wer ist denn nun rassistisch? Warum spricht er so schlecht deutsch, obwohl er hier geboren ist und schon die zweite Generation hier lebt? Ist es nicht in erster Linie die Pflicht der Eltern, ihrem Kind bei der Integration zu helfen? Die Schuld sucht man immer bei anderen, weil es bequem ist. (Sabine Kalupski, Mannheim)

Dass in dieser Affäre Fehler gemacht wurden, ist unbestritten. Und dass sich Uli Hoeneß zu diesen Bemerkungen hinreißen ließ und die einzige Aussage von Herrn Grindel, die er der Nachwelt hinterlässt: „Multi-Kulti ist Kuddel-Muddel“ lautet, sind einer sachlichen Auseinandersetzung nicht gerade hilfreich. Aber Mesut Özil als „zerfetzten Migranten“ hinzustellen, wäre nicht nur absurd, sondern schlicht falsch.

Denn wäre Herr Özil hier in Deutschland nicht entdeckt, ausgebildet, gefördert (und letztendlich auch bezahlt) worden, führe er ein Leben in der Türkei, dessen Präsidenten er so verehrt, das vermutlich keinen Anlass zum Sozialneid gebe, den Frau Marinic nach der Bemerkung von Außenminister Heiko Maas befürchtet. Sie sprechen von Özil als einem der weltbesten Fußballer, der jetzt eine „Bombe“ gezündet habe. Na, na, Frau Marinic, ham’ses nicht ein bisschen kleiner? Den Untergang des Abendlandes bedeutet sein Rücktritt nun wirklich nicht! Der einzige, der sich über Özils Rücktritt vorbehaltlos freut, ist sein „verehrter Herr Präsident“, der ihm angeblich „die Augen geküsst“ hat. Herr Erdogan, hätten sie ihm damals im Mai mal lieber den Kopf geküsst, damit das mit dem Nachdenken besser klappt ... (Monika Kieser, Mannheim)

Mit Verwunderung sehe ich, wie viel Platz dem Thema Özil in Ihrer Zeitung gewidmet wird, während zeitgleich wesentlich wichtigere Ereignisse nicht nur in Deutschland stattfinden. Die Debatte, die jetzt geführt wird, hat mit dem eigentlichen Thema nichts mehr zu tun. Nur eines vorneweg: Für viele, zu viele politischen Opportunisten bietet sich jetzt mal wieder die Gelegenheit, von ihrem eigentlichen Auftrag, dem Volk zu dienen und die Demokratie zu stärken, abzulenken.

Denn viele dieser selbst ernannten Weltverbesserer, die sofort von „der muss abdanken“ reden und ihre eigentlichen Missstände dabei vergessen. Grundsätzlich reden wir hier von einem Sportler, der die vergangenen Jahre zusammen mit der „Mannschaft“ eine heile Welt vorlebte, die es so nie geben wird, da Menschen immer dazu neigen, den Vorteil zu suchen.

Zu meinem Entsetzen stelle ich fest, dass es immer selbstverständlicher wird, dass sich Politiker öffentlich zu Themen äußern, die nichts, aber auch absolut nichts mit Politik zu tun haben. Aber spätestens dann, wenn sich Künast, Rhode und Co. einmischen, politisch hochkochen. Und spätestens dann eine Aufarbeitung und mögliche Lösung zerredet und oftmals zu persönlich geführt wird. Eigentlich sollten Politiker den Unterschied zwischen einer sachlich-zielorientierten oder einer emotionalen-persönlich, verfälschenden Diskussion kennen. (Matthias Lenz, Mannheim)

Der Rücktritt von Özil aus der deutschen Nationalmannschaft wird durch die Presse viel zu hoch gespielt. Er ist freiwillig zurückgetreten. Es stehen viele auf der Warteliste von Joachim Löw, die liebend gerne nachrücken werden. Alle guten Wünsche für Özils Zukunft hätten gereicht; aber nein: jetzt will man erst mal wieder einen Kopf rollen sehen – und nach Möglichkeit einen deutschen.

Vor vier Wochen war es noch Herr Seehofer, den man zum Sündenbock für die unverständliche Migrations- und Integrationspolitik in Berlin verantwortlich machte. Jetzt ist es Herr Grindel, dessen Kopf man am liebsten im runden Loch stecken sehen möchte. Dabei tut er meiner Meinung nach das Beste, was zu tun ist – abtauchen. Denn es ist klar, egal was von seiner Seite aus zu dem Thema Özil gesagt wird, ist verkehrt. Dem DFB von Özils Seite aus Rassismus vorzuwerfen, ist eine Frechheit und soll wohl nur vom eigenen Fehlverhalten (in Sachen Foto mit Erdogan) ablenken. Man zähle nur mal nach wie viele Männer mit Migrationshintergrund im Laufe der Jahre in der deutschen Nationalmannschaft und in deutschen Fußballvereinen gespielt haben oder noch spielen. Und die vorzeitige Verlängerung mit Löw vor der WM sollte nun wirklich keinen Platz finden in der Diskussion um Özil.

Also, lieber Mesut, ab nach England, versuche dort deine Scorerpunkte und Anzahl der Pässe zu verbessern, und verschwende deine Kraft bitte nicht mehr damit, Deutschland und die deutsche Nationalelf samt DFB mit deinen Rassismusvorwürfen in den Schmutz zu ziehen. Du bist in Deutschland weder erniedrigt, noch diskriminiert worden. Mit deinen unhaltbaren Vorwürfen und mangelnder Selbstkritik zu dem Bild mit Erdogan hast du dich selbst aus der deutschen Gesellschaft herauskatapultiert. (Gunhilde Haller, Mannheim)

Mesut Özil – wie in seinem Kielwasser Jagoda Marinic – versucht, von der unsäglichen Blamage des Fußballspielers abzulenken, indem sie die Rassismuskeule hervorholen und das Ganze zu einer Integrationsfrage machen. Bei Özil ist es noch irgendwie verständlich, wenn auch nicht gut: Der verletzte Stolz des Fußballspielers schaffte es nicht, zuzugeben, dass er Mist gebaut hat, und zwar richtig Mist. Er hat aus Dummheit oder Überheblichkeit nicht verstanden, dass ein Spieler, sobald er das Nationaltrikot überstreift, sich auf der Schnittstelle von Sport und Politik bewegt. Deshalb auch betrachtet er die Nationalhymne vermutlich als eine Art folkloristische Veranstaltung.

Bedenklicher ist freilich die Position von Marinic, die als Devise für Migranten ausgibt: „Es lebe die Freiheit. Wir spielen das Spiel jetzt nach unseren Regeln.“ Toll! Dann posieren wir also weiterhin mit Despoten und Diktatoren. Dann heißen wir also die Unterdrückung einer freien Presse und die Inhaftierung von Systemkritikern gut. „Wir spielen das Spiel jetzt nach unseren Regeln.“ Gut, sollen sie doch. Aber dann bitte nicht wehleidig rumheulen, wenn die Gesellschaft, in der sie gut leben und alle Freiheiten haben, ihre Regeln deutlich und selbstbewusst dagegen stellt und wenn nötig, mit staatlicher Gewalt durchsetzt, wo die Freiheit gefährdet wird. (Werner Weiland, Ladenburg)

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