Leserbrief

Missbrauch durch Eltern und Ärzte ist möglich

Zum Artikel „Ruf nach offener Ethik-Debatte“ vom 13. Oktober:

Der wissenschaftliche Fortschritt im Bereich der Medizin und Gentechnik erlaubt es, dass über Bluttests bei schwangeren Frauen eine mögliche Erkrankung oder Behinderung des Kindes festgestellt werden kann. Es gilt jedoch, die Situation in ihrer Gesamtheit und den daraus folgenden Konsequenzen zu betrachten.

In welche Situation werden junge Eltern gestellt, wenn sie testen können, ob ihr Kind eine Erkrankung oder Behinderung haben wird? Ihnen wird suggeriert, sie könnten sich frei nach ihrem Wollen den Gesundheitszustand ihres Kindes heraussuchen. Doch das Leben eines Kindes beginnt bereits mit Befruchtung der Eizelle und eben nicht erst mit der Geburt. Wo macht es dann also Sinn, eine Testung auf mögliche Erkrankungen vorzunehmen? Die Eltern kämen ja auch kurz nach der Geburt nicht auf die Idee, ein geborenes Kind mit Erkrankung im Krankenhaus noch zurückzugeben, da es nicht ihren Vorstellungen und Wünschen entspricht.

Meines Erachtens geht dies sogar noch einen Schritt weiter. Es ist zwar verständlich, dass sich Eltern ein Kind wünschen, es jedoch in dieser Form – Testung und entsprechend eine eventuelle Abtreibung – beeinflussen zu wollen, stellt einen Missbrauch dar. Durch die Eltern, aber auch durch die Ärzte. Die Eltern bewerten das Leben eines erkrankten Kindes als weniger wert, als von einem vermeintlich gesunden Kind. Und die Ärzteschaft nimmt dies so hin und führt aus.

Die Verantwortung für dieses Handeln tragen alle Beteiligten. Würde man diese Frage so formuliert an die Eltern oder Ärzte stellen, würden sie vermutlich antworten, dass sie dies so nicht sehen würden. Hier muss aufgeklärt werden, dass wie bereits gesagt, das Leben des Kindes nicht erst mit der Geburt beginnt. Und wenn man hier beginnt, zu testen und nach dem Wollen der Eltern zu verfahren, wo wird dies hinführen? Wenn die Eltern ein blondes Kind möchten, jedoch das gezeugte wird laut Gentest braunhaarig, dann ist es abzutreiben?

Das klingt im ersten Lesen polemisch, jedoch ist es nichts anderes, als eine Abtreibung aufgrund eines von den Eltern nicht erwünschten Gesundheitszustandes des Kindes. Unsere Gesellschaft muss lernen, eine Vielfalt des Lebens zu akzeptieren und die Erwartungshaltung abzulegen, jeder Mensch hat gleich zu sein und zu funktionieren wie es das Leistungsbild unserer westlichen Welt fordert. Bringt nicht erst die Vielfalt unter den Menschen die Möglichkeit für eine Gemeinschaft? Macht nicht gerade die Vielfältigkeit unser Leben bunt und interessant?

Nicht jeder Mensch möchte, kann oder soll ein höchstintelligenter Wissenschaftler, von Kraft strotzender Leistungssportler oder mit Talent gesegneter Popstar werden. Es ist verständlich, dass Eltern sich das Beste für ihr Kind wünschen und hoffen, das Kind wird glücklich und erfolgreich. Doch wie ist Glück und Erfolg zu bemessen? In den Wertmaßstäben unserer Leistungs- und Kapitalgesellschaft oder eben doch in Zufriedenheit, Nächstenliebe und Gemeinschaftsdenken? Das mag für manchen klingen, als würde eine Behinderung oder Erkrankung verharmlost. Doch es geht eben darum, mitzufühlen und empathisch zu sein, jedoch aber nicht in das Mitleiden oder ein großes Wollen zu verfallen.

Aus Sicht der Krankenkassen, nun, hier mag eine Testung verlockend sein. Kosten ein Test und ein Schwangerschaftsabbruch ja um einiges weniger, als eben die Versorgung eines Kindes mit Behinderung. Und hier zeigt sich wieder das Verhalten von Institutionen wie Krankenkassen als Spiegel für unsere Gesellschaft: Ein Leben wird in Geld bemessen und sobald kein direkter, verwandtschaftlicher Grad besteht, ist es eben eine Kosten- und Nutzenrechnung.

Doch es ist die Aufgabe der Krankenkassen und damit auch der gesellschaftlichen Allgemeinheit, eine Gesundheitsversorgung aus menschenwürdigen Gesichtspunkten zu ermöglichen. Und ist es unser Bild von Menschlichkeit, aus finanziellen Abwägungen ein Leben zu beenden, anstatt diesen Mensch zu unterstützen? Das hätte nichts mit christlichen Werten unserer westlichen Gesellschaft zu tun und ein rein kapitalistisches, lebensverachtendes Denken. Grundsätzlich gilt es, solche Fragen mehr aus ethischen Gesichtspunkten zu debattieren, zu behandeln und die Vorgehensweise politisch zu entscheiden. Viel zu häufig wird aktuell noch der Schwerpunkt auf kapitalistische oder staatsrechtliche Faktoren gelegt.

Ich finde es schon interessant, was sich der Mensch mit Fortschreiten der Technik zunehmend meint, herausnehmen zu können, um nicht zu sagen, was er sich anmaßt. Je mehr der Mensch in seiner DNS offenbart wird und je leichter es uns gelingt, seine Qualitäten, Stärken und eventuelle Schwächen zu entdecken, desto mehr festigt sich die Gefahr, dass selektiert wird. Wer sind wir denn, uns anzumaßen, darüber entscheiden zu können: Welches Leben ist lebenswert? Und welches nicht? Wir sind doch nicht Gott!

Hat nicht die Vergangenheit und unsere Geschichte wiederholt gezeigt, dass Selektierung jeglicher Art nur zu Ungleichheit, Unmut, Klassenkampf, gar Krieg führt? Ein Bluttest für Schwangere zur Ermittlung möglicher Behinderungen oder Beeinträchtigungen der Kinder mag sich im ersten Moment positiv anhören – wird man doch vor eventuellen Gefahren für das Kind und Belastungen für die werdenden Eltern gewarnt. Aber wie gering ist der Schritt, wie schwierig die Grenze zu setzen, dass man sich fragt: Wer schätzt das Leben wert? Und welches Leben ist es wert, geboren zu werden, welches darf man straffrei „aussortieren“?

Wir mischen uns damit doch in Gottes Schöpfungsplan ein, spielen selbst Gott! Vergessen haben wir dabei den Wunsch der Seele, geboren zu werden, Erfahrungen zu sammeln und seien sie noch so unangenehm. Doch genau dadurch reifen und wachsen wir. Alles unterliegt einem höheren Sinn und Zweck und sei dies nur jener, in die Geduld, die Gelassenheit, das Selbstvertrauen und die Kraft zu finden.

Unsere Gesellschaft sollte die Eltern solcher Kinder unterstützen, anstatt ihnen anzubieten, bereits im Voraus zu entscheiden, ob das Leben lebenswert ist. Denn dieses Recht steht meiner Meinung nach nur Gott zu! Er hat das Leben erschaffen, Er darf es auch nehmen. Mit der Gewährleistung solcher Bluttests für Schwangere wird meiner Meinung nach Tür und Tor für Missbrauch geöffnet.

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/2PhPtSx