Leserbrief

Leserbrief Zu einigen unerfreulichen Randerscheinungen bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland

Mit ihrem Verhalten sind viele Spieler kein Vorbild für die Fußballjugend

Die gegenwärtig laufende Fußball-WM hat sicherlich viele Szenen geboten, die den Betrachter begeistert haben und die man mit Superlativen belegen kann.

Andrerseits gab es auch viele Momente, in denen man sich fragen musste, ob das mit Fußball noch etwas zu tun hat. Dabei denke ich vor allem an den in meinen Augen übertriebenen und leider oft nicht geahndeten Körpereinsatz und die Rudelbildungen sowie das Reklamieren bei fast jeder Schiedsrichterentscheidung.

Nur je ein Beispiel: Schon im Gruppenspiel Brasilien gegen Schweiz gab es eine Szene, bei der der Schweizer Xhaka ungestraft dem Brasilianer Neymar (dessen Einlagen manchmal schon fragwürdig sind) mit der einen Hand fast einen Arm ausgerissen und mit der zweiten Hand fast das Trikot zerrissen hätte. Vielleicht dachte der Schiedsrichter: „Na ja, ganz so schlimm wie vor vier Jahren, als man ihm einen Rückenwirbel brach, war es nicht.“ Also keine gelbe Karte, genau wie damals auch.

Beim Achtelfinalspiel Kolumbien gegen England konnte das Spiel nach der Elfmeterentscheidung gegen Kolumbien minutenlang nicht fortgesetzt werden, weil sowohl Kolumbier wie Engländer den Schiedsrichter und sich gegenseitig im wahrsten Sinne des Wortes „bearbeiteten“. Tolle Vorbilder für die Fußballjugend!

Bei solchen und vielen anderen Szenen fragte ich mich, ob es nicht sinnvoll wäre, einen weiteren Offiziellen einzuführen. Vielleicht aus den Sportarten Ringen und/oder Boxen. Denn diese Leute kennen sich mit der Beurteilung von Haltegriffen, Klammern, Schubsen, Stoßen, Ellbogenchecks und Kopfstößen bestens aus.

Eine weitere ungute Rolle für die Entwicklung des Fußballs spielen teilweise die Fernsehkommentatoren. Diese erwecken mit angelesenen Zahlen („Spieler X schon 643 Minuten ohne Torerfolg“) Fachkompetenz und kennen noch nicht einmal die Fußballregeln, selbst wenn sie vielleicht einen Schiedsrichterlehrgang absolviert haben.

Wenn ich schon Sätze höre wie: „Es war zwar ein Foulspiel, es lag eine Berührung vor, aber für einen Elfmeter reicht das nicht“, da könnte ich mich aufregen. Diese Herren/Damen sollten einmal genau Regel 12 der DFB-Fußballregen studieren. Auch fahrlässiges Rempeln, Anspringen, Stoßen, Schlagen, Tackling mit dem Fuß oder Angriff mit einem anderen Körperteil, Beinstellen oder versuchtes Beinstellen, Halten des Gegners ist mit direktem Freistoß beziehungsweise Elfmeter zu ahnden.

Was mir aber noch viel wichtiger ist als diese Aufzählung, das ist folgendes: wenn diese Herren/Damen in ihrem Sportlerleben auch nur ein einziges Mal zum Kopfball hochgesprungen wären und dabei in der Luft einen Schubser in den Rücken erhalten hätten oder am Trikot gezogen worden wären, dann wüssten sie aus Erfahrung, dass es in diesem Fall unmöglich ist, einen Kopfball mit Präzision und Wucht auszuführen.

Und zum Schluss noch ein letztes Wort zur Art und Weise des Kommentierens. Auch wenn ganz Deutschland beim Freistoßtor von Toni Kroos gegen Schweden ein Stein vom Herzen gefallen ist, wenn dieses Tor als Erlösung und Rettung in einer emotional aufgeladenen Situation erschien, so ist es doch übertrieben, von „historisch“ und „heroisch“ zu sprechen, ja zu schreien.