Leserbrief

Neubürger müssen auch umdenken

Alle Briefe sind zur Debatte „Woran scheitert Integration in Deutschland, Herr Merey?“ vom 30. Juni:

Nur an wenigen Stellen des Artikels kommen kritische Äußerungen zur Frage vor, was Hinzugekommene (beispielsweise aus der Türkei) selber falsch machen. Der Artikel ist ansonsten eine Anklage an Deutschland mit viel Selbstgerechtigkeit, die in dieser Art oft erscheint. Das kennt man. Vorweg: Natürlich schwingen die Verbrechen der Attacken von deutschen Gewalttätern auf Neubürger immer mit in die Gefühlslage hinein. Eine bestimmte Partei ist mit ihrer Radikalität auch abträglich. Aber auch die vielen täglichen Animositäten gegen Ausländer sind schlimm. Das stimmt ja alles. Dennoch ist der Artikel zu einseitig. Man kann das so nicht hinnehmen. Ich will auf die vielen Gesichtspunkte etwa in der Reihenfolge eingehen, in der sie im Artikel genannt werden.

l Die Mehrheitsgesellschaft tut sich schwer, Hinzugekommene als gleichwertig anzuerkennen, das heißt zu integrieren, schreibt der Autor. Es stimmt, dass Integration ein schwieriges und äußerst facettenreiches Thema ist. Die Schuld daran aber ist breit verteilt! Man kann nicht übersehen, dass das Verhalten vieler Neubürger oft ärgerlich ist, wenn keine Rücksicht auf das Empfinden derer genommen wird, die schon immer hier waren. Religiöse und unnötige Äußerlichkeiten werden vielfach ungeniert ausgelebt. Ich habe es mehrfach erlebt, dass interessante Diskussionen hektisch unterbrochen wurden, weil eine Gebetszeit nicht auch mal aufgeschoben werden konnte. Das ist ein Mangel an Geistesfreiheit. Übersehen kann man auch nicht, dass Neubürger fast immer in ihrer Gruppe bleiben, anstatt sich bestehenden Gruppen anzuschließen. In den Naturschutzgruppen zum Beispiel erschien niemand, soweit ich weiß, über Jahrzehnte hinweg nicht. Das ist Selbstisolierung. Man spürt doch auch, dass man in türkeiorientierten Geschäften gar nicht so gerne gesehen wird. Auch da wird eher Abgrenzung betrieben. Man bleibt unter sich.

l Der Autor weist anhand der Erlebnisse des Vaters darauf hin, dass hier kein Heimat-Gefühl entwickelt wurde. Ja, sehr bedauerlich. Aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man im Alter immer sehr betont an die Gegend denkt, in der man groß wurde. Man kommt nie ganz in der neuen Gegend an; die Mentalität ist anders, der Dialekt ist schwer zu erlernen, die Essgewohnheiten kommen hinzu, Landschaft und Klima sowie Tiere und Pflanzen sind anders und so weiter. In eine ganz andere Region der Welt umzuziehen, ist immer schwer. Das muss aber nicht nur an Deutschland liegen. Ich selber denke immer noch an die Gegend östlich der Oder bis 1945. Dennoch bin ich hier selbstverständlich zu Hause.

Wenig Liberalität

l Hinzugekommene werden als Bürger zweiter Klasse behandelt, meint der Autor. Das ist nicht gut. Dennoch meine ich, dass auch etwas Selbstverschulden ursächlich sein kann (siehe auch oben). Das Verhalten der Neubürger kann zur Ablehnung beitragen. Und religiöse Übertreibungen mit sonderbaren Sitten sind oft auch abstoßend, obendrein unnötig. Das sind auch eigene Erfahrungen! Dass am Arbeitsplatz manche Kollegen einem Neubürger nicht die Führungsrolle überlassen wollen, dürfte sehr vom Verhalten abhängen. Wer gut ist und den richtigen Ton trifft im Miteinander, wird auch anerkannt. Ausnahmen sollten nicht überbetont werden, denn jede Rangordnung ist schwierig.

l Es kommt hinzu, dass die Situation in der Türkei mit allen Einschränkungen (sehr milde gesagt) gegenüber Minoritäten bekannt ist (Armenier, Christen insgesamt, Kurden, Griechen und so weiter). Ohne allzu viel Bedauern geht das seit mehr als 100 Jahren. Es darf vielfach nicht mal darüber geredet werden. Das schafft Misstrauen, wenn man nicht gerade ein Fan der Regierung dort ist.

Auch die riesige Fahne (in Köln, abgedruckt über dem „MM“-Artikel) macht vielen Leuten Angst, was leider wohl auch bezweckt ist. Oder? Blutrote Fahnen in der Größe und in der Vielzahl erinnern mich fatal an vergangene Regime in Deutschland. Fühlt denn das keiner unter den Neubürgern? Warum macht man das? Warum? Das Resultat kann Ablehnung sein oder diese verstärken. Da sollte man sich dann nicht beklagen über die Ablehnung durch andere, die das nicht gut finden. Die Brutalität ist aber oft auch anderweitig zu spüren. Denken wir beispielsweise an die Bedrohung von Seyran Ates von der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin. Liberalität wird sehr klein geschrieben, leider. Mit etwas Gelassenheit und Humor ginge es besser. Beides fehlt aber fast immer.

l Kann man sich von einem Politiker (Herr Erdogan) „den Stolz zurückgeben lassen“? Das bezweifle ich sehr. Auch hier denke ich an üble Regime in Deutschland und anderswo. Statt von Stolz würde ich eher von Selbstachtung reden, die man aber selber aufbauen muss. Achtung durch andere folgt dann im Regelfall, wenn man sich entsprechend verhält!

l Deutschland sei eine „enttäuschte Liebe“ des Vaters. Ich finde das sehr schade. Aber bitte bedenken Sie, dass sehr viele Menschen solche Empfindungen haben. England nach dem Brexit ist für mich auch sowas. Auch bin ich enttäuscht über die Nichtanerkennung meiner Bemühungen (über Jahrzehnte hinweg) den Neubürgern gegenüber. Da kam mitunter nicht mal ein Wort des Dankes. Briefe und Grüße werden fast nie beantwortet. Was will man damit bewirken?

l Die Schwester in USA sei längst Amerikanerin geworden. Schön, aber denken wir bitte an die immer noch schwierige Situation der Afroamerikaner etc. dort. So rosig sind „die Staaten“ nicht immer. Es kommt auch noch darauf an, was es bedeutet, „Amerikaner“ zu sein und als solcher zu empfinden.

Nicht alle eine Bereicherung

l Immigranten können Deutschland bereichern. Ja, klar. Aber denken wir auch an diejenigen, die keine Bereicherung sind, sondern vorwiegend Querelen bereiten und ihrer eigenen (!) Gruppe schaden. Neubürger in USA sind oft handverlesen, hier in Deutschland nicht. Warum nennen Sie diesen Faktor nicht?

l Eingewanderte und deren Nachkommen sollten Kabinetts-Mitglieder werden, meint der Autor. Moment mal, da sind etliche, die hohe Posten bekleiden, hoffentlich zum Wohle des ganzen Volkes, zum Beispiel Aydan Özoguz (Staatsministerin in Berlin für Integration bis vor kurzer Zeit), Muhterem Aras (Landtagspräsidentin in Baden-Württemberg), viele Abgeordnete im Bundes- wie im Landtag, in den Parteivorständen und andere. Man bedenke dabei auch das Zahlenverhältnis der Bürger. Abschließend meint der Autor, dass ein Umdenken der Mehrheitsgesellschaft stattfinden muss. Stimmt – aber auch bei den Neubürgern, dringend sogar!

Klaus Mengel , Mannheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2N5uCwZ