Leserbrief

Sechs Leser sind einen Arbeitstag lang zu Gast in der Redaktion. Sie erleben, wie nach intensiven Diskussionen und Abwägungen eine Zeitung entsteht. Leser und Nutzer

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Sechs Leser sind einen Arbeitstag lang zu Gast in der Redaktion. Sie erleben, wie nach intensiven Diskussionen und Abwägungen eine Zeitung entsteht.

Mannheim.Was jeden Tag in der Zeitung steht, das ist das Ergebnis von eingehenden Gesprächen, klärenden Absprachen und diffizilen Themenabwägungen. Wie spannend das sein kann, haben sechs Leserinnen und Leser dieser Zeitung bei einem Redaktionsbesuch in der Mannheimer Dudenstraße erlebt. Chefredakteur Dirk Lübke begrüßt dort am Morgen die Gruppe. Alle Gäste hatten sich mit Leserbriefen an die Redaktion gewandt, weil ihnen bestimmte Dinge missfielen, sprachliche Fehler zum Beispiel. Als „kritische Leser“ wurden sie daher gebeten, einen Tag lang die Arbeit der Redaktion vor Ort zu begleiten.

Bianca Beyer hat ein Bündel Zeitungsausschnitte mitgebracht, die Rechtschreibfehler dokumentieren. Und Erika Matthes moniert, es würden immer wieder Fotos veröffentlicht, die Bundeskanzlerin Merkel in unvorteilhafter Weise zeigen würden. Manfred Meliset dagegen nervt das TV-Magazin „Prisma“: „Mehr Werbung geht nicht“, ärgert er sich.

Gespräche sind nötig

Die Gäste beteiligen sich rege an der Frühkonferenz um 10.30 Uhr im Newsroom, der Nachrichtenzentrale dieser Zeitung. Hier besprechen die sogenannten Blattmacher – sie sind verantwortlich für Textauswahl und Gestaltung der Seiten – mit der Chefredaktion, welche Neuigkeiten in die Zeitung kommen. Dabei erfahren die Besucher, dass es nicht nur um die gedruckte Ausgabe des nächsten Tages geht. Matthias Schmeing, Leiter der Onlineredaktion, des Morgenwebs, klärt auch ab, welche Themen schnellstmöglich und tagesaktuell in die Internetausgabe dieser Zeitung gelangen.

An diesem Tag ist die Sommerhitze das große Thema. Mannheim könnte die heißeste Stadt in Baden-Württemberg werden, erklärt Politik-Chef Marco Pecht. Er stellt noch eine Exklusivgeschichte über zunehmende Gewalt gegen Ärzte vor; auch hier sei Mannheim Spitzenreiter im Land. „Wäre das für Sie wichtig?“, fragt Chefredakteur Dirk Lübke die „kritischen Leser“. „Das hängt davon ab, was unter Gewalt zu verstehen ist“, meint Klaus Hinkel: „Wenn es körperliche Angriffe sind, dann ist das ein Thema.“ Auch die Zahl der Übergriffe sei wichtig, wirft Bianca Beyer ein. „Ich denke, diese Nachricht gehört auf die Seite eins“, erklärt Dirk Lübke.

Nach der Konferenz setzen die Besucher die Aussprache mit dem Chefredakteur fort. Warum noch immer so viele Leserbriefe über den Rücktritt von Fußballer Mesut Özil veröffentlicht würden, bemängeln Erika und Jürgen Matthes: „Wir wollen das nicht mehr lesen.“ Er könne noch weitaus mehr Leserreaktionen dazu abdrucken, berichtet Dirk Lübke: „Das ist ein Indikator, dass sich die Leser immer stärker einbringen.“ Vor fünf Jahren hätte die Zeitung 1450 Zuschriften pro Jahr bekommen, 2017 sei die Zahl auf mehr als 2100 Briefe angewachsen.

Eine lebhafte Diskussion entspinnt sich mit Daniel Kraft von der Online-Redaktion. Die Besucher, die allesamt die Papierausgabe bevorzugen, wollen wissen, nach welchen Kriterien die Zeitung ihre Texte aus der Flut von Nachrichten, die im Internet kursieren, auswählt. Das Morgenweb setze auf vertrauenswürdige Informationen von offiziellen Stellen und verlässliche Quellen, aber nicht auf unseriöse Anbieter, berichtet Kraft. Gleichwohl betont er, wie wichtig gerade im Online-Geschäft die Schnelligkeit sei. „Aber wir legen stets höchsten Wert auf journalistische Kriterien und sauber formulierte, sachliche Texte“, betont er.

Um 17 Uhr nehmen die Gäste an der Blattabnahme teil: Dabei präsentieren die Blattmacher alle Seiten der Zeitungsausgabe, die ausgedruckt im Newsroom an der Wand hängen, dem Chefredakteur. Dirk Lübke begutachtet die Seiten, diskutiert mit den Redakteuren. Wenn nötig, wird eine Überschrift geändert, Bilder ausgetauscht, auch mal ein ganzer Text verworfen. Es kommt zu einem munteren Meinungsaustausch. „Steffen Fäth, der etwas stillere Star“, steht als Überschrift auf einer Sportseite. „Geht das?“, fragt Dirk Lübke in die Runde. „Geht nicht“, antwortet Bianca Beyer. „Still ist still“, sagt die pensionierte Deutschlehrerin.

„Das ist das Gute an der Blattabnahme“, bilanziert der Chefredakteur: „Wir sprechen und ändern, wo nötig.“ In kleiner Runde trifft sich die Gästegruppe zum Abschluss noch einmal mit Dirk Lübke. „Ich kann nun verstehen, dass es zu Fehlern kommen kann, wenn so viele Texte gekürzt werden müssen“, sagt Bianca Beyer. „Oft werden mehrere Agenturtexte zu einem Artikel zusammengefasst“, erklärt der Chefredakteur. Manfred Meliset ist beeindruckt.„Ich lese die Zeitung ab jetzt ganz anders“, sagt er.

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