Leserbrief

Nicht ehrenhaft

Zum Artikel „Das passt nicht zu unserer Stadt“ vom 1. Oktober:

Mit großem Interesse habe ich die verschiedenen Beiträge des „Mannheimer Morgen“ zur kolonialen Geschichte in unserer Stadt verfolgt. Die Arbeit unserer Museen, aber auch Denkmäler und Straßennamen sind Ausdruck des Selbstbildes einer Stadtgesellschaft.

Mannheim versteht sich als Stadt der Vielfalt mit jahrhundertealter Tradition schon seit der Stadtgründung. Davon zeugen Namen wie Clignetplatz oder Pozzistraße. Sie haben als Stadtdirektor oder als Künstler das Bild Mannheims in den vergangenen Jahrhunderten geprägt. Es gibt aber auch Straßennamen, die nicht mehr in das Selbstbild Mannheims passen. Den Personen Lüderitz, Nachtigal und Leutwein wurde 1935 mit der Benennung von Straßennamen in der neuen Siedlung in Rheinau ein Denkmal gesetzt.

Verantwortlich für Völkermord

Aus Sicht der Nationalsozialisten, folgerichtig. Theodor Leutwein war um 1900 verantwortlich für die Durchsetzung des kolonialen Herrschaftsanspruchs in Deutsch-Südwestafrika. Adolf Lüderitz machte sich in dieser Zeit einen Namen durch betrügerische Vorgehensweisen beim Erwerb von Landrechten in diesem Land – heute als „Meilenschwindel“ bezeichnet. Gustav Nachtigal war als Reichskommissar verantwortlich für die unerbittliche militärische Durchsetzung des deutschen Herrschaftsanspruchs in dem heutigen Namibia. Sie alle waren verantwortlich für die Errichtung einer rassistischen Privilegiengesellschaft, in deren Folge es unter anderem zum Völkermord an den Nama kam. Für die Nationalsozialisten waren das Helden, die deren Anspruch auf Ausbreitung des Deutschen Reiches symbolisierten. Also wahrhaftig nichts, was ich heute durch einen Straßennamen „ehren“ möchte.

Wer möchte da wohnen?

Für die betroffenen Anwohnenden ist eine Umbenennung natürlich mit Aufwand verbunden. Aber mal ehrlich: wer möchte schon in einer Straße wohnen, deren Namen mit solch schmutzigen Verbrechen in Verbindung gebracht wird? Und wie schön wäre es, wenn gemeinsam mit den Anwohnenden ein Name gefunden würde, auf den alle schließlich stolz sein können.

Hildegard Klenk, Mannheim

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/3obGv89

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