Leserbrief

Zum Thema Flüchtlinge / Leserbrief vom 2. November

Nichts aus der Geschichte gelernt?

Der Leserbrief von Frau Natascha Recknagel kann nicht unwidersprochen bleiben. Sie redet zwar von Fakten, liefert aber nicht mehr als Behauptungen und subjektive Eindrücke. Hier sind ein paar echte Fakten:

Innerhalb der ersten neun Monate des Jahres 2015 ist die Zahl der Anschläge auf Flüchtlingsheime um mehr als 100 Prozent gestiegen. Anfragen von z.B. "tagesschau.de" bei Polizei und Innenministerien verschiedener Bundesländer haben ergeben, dass es keine Anhaltspunkte für einen überdurchschnittlichen Anstieg der Kriminalität gibt, seit mehr und mehr Flüchtlinge ins Land kommen. "Flüchtlinge stopfen sich im Supermarkt einfach die Taschen voll".

Überall, wo sich Flüchtlinge aufhalten, sind Geschichten von Selbstbedienung in Supermärkten zu hören oder zu lesen. Anfragen in den Konzernzentralen ergaben durchweg, dass all das frei erfunden ist. "Es handle sich durchweg um böswillige und falsche Gerüchte, wird ein Geschäftsleiter zitiert. Er sei - im Gegenteil - überrascht, wie unkompliziert es mit den Asylbewerbern laufe. Nachrichten der letzten Tage: In Magdeburg hat ein 24-jähriger Deutscher zwei Syrer mit einem Baseballschläger angegriffen und verletzt. In Wismar prügelten rund 20 Schläger zwei Syrer krankenhausreif. In Jena wurde ein 27-jähriger Syrer am Sonntagmorgen von drei Männern an einer Straßenbahnhaltestelle zusammengeschlagen. Ein 26 Jahre alter Syrer habe Schnittwunden an der Stirn erlitten, als in der Nacht zum Sonntag vor seinem Schlafzimmerfenster eine Sprengladung explodiert. In dem Kernland der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung brachen in der Nacht zu Samstag in zwei möglichen Asylunterkünften Brände aus.

Beim Brand mehrerer Wohncontainer in Dippoldiswalde geht die Polizei von Brandstiftung aus. Auf die bewohnte Unterkunft einer dreiköpfigen Flüchtlingsfamilie in Sehnde bei Hannover wurde in der Nacht zum Sonntag ein Brandanschlag verübt. Fakt ist auch, dass der radikale Rechtspopulismus seinen Hetzparolen Taten folgen lässt. Laut Amadeu-Antonio-Stiftung starben seit 1990 mindestens 178 Menschen durch rechte Gewalt. Aber solche Informationen werden dann schnell mit dem Stempel "Lügenpresse" versehen und ignoriert. Haben wir in Deutschland nichts aus der Geschichte gelernt?

Mich erinnert das leider fatal an die 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Auch da hat alles klein angefangen. Sündenböcke wurden gesucht und gefunden. Häuser und Geschäfte gingen in Flammen auf. Viel zu viele haben geschwiegen und zugeschaut. Oder schlimmer, im Stillen zugestimmt, denn die Hetzer haben ja ausgesprochen was sie im Innern bewegte. Leider ist dem so, wie Sozialpsychologe Zick festgestellt hat. Aus seinen Studien ergibt sich, dass zum Teil fast die Hälfte der Deutschen menschen- und fremdenfeindliche Ansichten teilt. Sinti und Roma werden als Zigeuner beschimpft, Flüchtlinge als Schmarotzer diffamiert. Auch von Angehörigen der Mittel- und Oberschicht. Offensichtlich haben sich weite Teile von Populisten mitnehmen lassen, und die Propaganda "Jetzt dürfen wir das mal sagen" (siehe Frau Recknagel) hat gewirkt. Darum heißt es, nicht die Augen verschließen, den Mund zu halten und solche Aussagen zu tolerieren, sondern sofort solche dumpfen Parolen zu entlarven.