Leserbrief

Ohne Hysterie

Zum Artikel „Jury entscheidet sich für ,Klimahysterie’“ vom 15. Januar:

„Klimahysterie“, das Unwort des Jahres 2019, ist ein weiteres Wort, das in die Reihe der Totschlagbegriffe wie Rassismus, Diskriminierung, Antisemitismus und Sexismus Eingang finden wird und das wohl nur dazu dient, jede Diskussion im Keim zu ersticken. Egal auf welchem Gebiet, irgendwo gibt es ein tabuisiertes Wort. Jeder, dem die Argumente ausgehen, zieht einen dieser Begriffe wie ein Schiedsrichter im Fußball die Rote Karte und versucht, den „Gegner“ des Platzes zu verweisen: Spielverbot, Sperre – Ende der Diskussion.

Wer zukünftig den Begriff Klimahysterie verwendet, wird sofort als Leugner des Klimawandels gebrandmarkt und in die Schmuddelecke gestellt. Könnte es sein, dass manche, die den Begriff Klimahysterie verwenden, überhaupt keine Leugner des Klimawandels sind, sondern nur vor den Folgen von unerfüllbaren Maximalforderungen und politischen Schnellschüssen warnen?

Nehmen wir beispielsweise die Forderung nach dem sofortigen Ausstieg aus der Stromerzeugung durch Braun- oder Steinkohle in Deutschland. Warum wagt es denn die öffentliche Meinung nicht, den Fordernden zu sagen, dass dies nach derzeitigem Energiemix bedeuten würde, dass 60 Prozent aller Züge, 60 Prozent aller Straßenbahnen, 60 Prozent aller Elektrofahrzeuge nicht mehr fahren könnten? Und dass 60 Prozent der beliebten Smartphones nicht mehr aufgeladen werden könnten, 60 Prozent der Computer nicht mehr laufen würden, 60 Prozent der Streamingprozesse und 60 Prozent aller Internetverbindungen dann entfallen müssten, weil der Anteil von sauberem Strom nun mal bestenfalls bei 40 Prozent liegt.

Bärendienst erwiesen

Das ist keine Aufforderung zum: weiter so! Alles, was besser gemacht werden kann, muss besser gemacht werden, wenn es sein muss auch durch öffentlichen Druck von der Straße. Aber bitte mit Sinn und Verstand und mit Bedacht unter Förderung der Forschung und der Technik – aber ohne Hysterie.

Die Wahl des Begriffes Klimahysterie und vor allem die Begründung dafür hat einer sachlichen Diskussion und dem sachlichen Bemühen um den Klimaschutz meines Erachtens einen Bärendienst erwiesen, weil der Begriff als erklärtes Unwort nun automatisch impliziert, dass die einen nur die Guten und die anderen nur die Bösen sind. Und solches Schwarz-Weiß-Malen wirft man doch bisher nur den Populisten vor.

Rolf Menz, Wilhelmsfeld

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2uYBAQz