Leserbrief

Opfer von Straftaten mehr beachten

Zum Debattenbeitrag „Sollten wir unsere Gefängnisse abschaffen, Herr Galli?“ vom 19. Oktober:

Das ist ein großes Fass, das Herr Galli da aufmacht mit seinen Ausführungen zur Unsinnigkeit von Strafhaft. So leicht wird das mit der Veränderung des Strafvollzugs nicht möglich sein. Womit ich Herrn Galli nicht unterstelle, dass seine berufliche Umorientierung leicht gewesen sein mag. Es macht eher den Eindruck, als habe er sich das sehr reiflich überlegt. Womöglich kann er „von außen“ zu den aus seiner Sicht notwendigen Veränderungen im Strafvollzug mehr beitragen.

Insgesamt zehn Jahre war ich als Schöffin im Jugendgericht Mannheim tätig. Nun ist der Strafvollzug für Jugendliche noch mal eine andere Nummer als der für Erwachsene. Und vor einem Urteil machen sich alle Beteiligten in Jugendgerichtsverhandlungen viele Gedanken, um eine Haftstrafe zu vermeiden. Doch sind alle Maßnahmen ausgeschöpft, oder wird eine schlimme Straftat verhandelt, ist auch für Jugendliche die Haftstrafe unvermeidlich. Mit den gleichen Konsequenzen, wie sie auch für Erwachsene gelten: Die Wahrscheinlichkeit zur erneuten Straffälligkeit wächst; die jungen Straffälligen lernen voneinander alle möglichen Tricks, sie kommen an Drogen, es fehlt ihnen der Kontakt zur normalen Bevölkerung und zur eigenen Familie.

Fähige Vermittler nötig

Ich stimme Herrn Galli vollkommen zu, dass die Opfer von Straftaten viel mehr Beachtung verdienen. Das kann bereits in den Verhandlungen zur Strafsache geschehen. Die schlimmen, einem Opfer zugefügten Narben anzusehen und von dessen Problemen nach einer Gruppenschlägerei anzuhören, kann in Tätern etwas bewirken. Zumindest hatte ich einen solchen Eindruck bei einer entsprechenden Verhandlung. Herr Galli sieht in den Menschen – auch den straffällig gewordenen – die Fähigkeit zur Übernahme von Verantwortung. Die durchaus wachsen kann und die es zu stärken gilt.

Nur braucht es dazu auch fähige Vermittler. Es braucht Menschen, die sich Zeit nehmen, der Einsicht verhelfen, nicht nur Verantwortung für sich selbst ist wichtig, sondern auch für andere Menschen, um Ziele zu erreichen. Und es braucht Geld für sinnvolle Projekte und kompetente Fachleute.

Annemarie Andritschky, Mannheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2Osh5lk

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