Leserbrief

Ostdeutschen intensiver zuhören

Zum Debattenbeitrag „Existiert auch heute noch eine Mauer in den Köpfen, Herr Nichelmann?“ vom 2. Oktober:

Herr Nichelmann hat natürlich Recht damit, dass auch 30 Jahre nach der Vereinigung Deutschlands noch beträchtliche Unterschiede bestehen zwischen den ehemals beiden Teilen Deutschlands, sei es bezüglich der wirtschaftliche Struktur und Entwicklung, die politische Situation oder die unterschiedlichen Mentalitäten in Ost und West. Schließlich sind ja beide Teile Deutschlands mehr als 40 Jahre politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich völlig unterschiedliche Wege gegangen.

Beides stimmt

Während im Westen eine freie demokratische Gesellschaft mit einer sozialen Marktwirtschaft entstanden ist, in der es auf die Eigenverantwortung des Einzelnen ankommt, entstand im Osten eine sozialistische Diktatur mit einer zentralistischen Planwirtschaft ohne politische Freiheit und auch Eigenverantwortung der Bürger. Herr Nichelmann beschreibt zum Beispiel die Unterschiede in den Mentalitäten damit, dass bei den Westdeutschen viele glauben, dass die Wiedervereinigung politisch herbeigeführt wurde, während viele Ostdeutsche der Meinung sind, die Demokratie und damit die Einheit sei durch die Ostdeutschen im Herbst 1989 erkämpft worden.

Letztendlich stimmt natürlich beides. Das Erreichen der Freiheit durch das Aufbegehren der DDR-Bürger 1989 war die Voraussetzung dafür, dass die politische Einheit 1990 möglich wurde. Aber genau in dem sogenannten Beitritt der DDR zur Bundesrepublik nach Art. 23 Grundgesetz am 3. Oktober 1990, an den wir uns jetzt erinnern, liegt auch das Problem heute, dass viele Ostdeutsche das Gefühl hatten und haben, dass sie vom Westen „übernommen“ und bei der Einheit nicht mitgenommen worden sind.

Das dadurch entstandene Misstrauen drückt sich auch dadurch aus, dass die Parteienlandschaft in den neuen Bundesländern ganz anders ist als im Westen. Auch aus Protest gegen den Westen wird dort stark die Nachfolgepartei der SED, die Linke und neuerdings die AfD gewählt. Union, SPD, FDP und Grüne erfahren viel weniger Unterstützung, weil sie wohl als Parteien aus dem Westen erscheinen.

In vielem angeglichen

Herr Nichelmann hat damit recht, dass man das Selbstwertgefühl der Ostdeutschen dadurch stärken muss, indem man ihnen intensiver zuhört und sie auch ihre Erfahrungen aus der DDR-Zeit schildern lässt, wie unterschiedlich sie auch sein mögen. Dabei geht es natürlich auch um die Ostdeutschen, die nach der Wende geboren sind und die DDR nicht erlebt haben. Natürlich haben sich West und Ost in den 30 Jahren auch in vielem angeglichen, sei es politisch oder auch wirtschaftlich. Leider ist auch der Rechtsextremismus inzwischen längst ein gesamtdeutsches Problem, wie Herr Nichelmann betont und dabei auch auf die Mordserie des NSU verweist.

Aber auch der linke Extremismus der sogenannten Antifa ist im Westen (Berlin und Hamburg) wie auch im Osten (Leipzig) ein Problem, das nicht verschwiegen, sondern politisch angegangen werden muss. Gerade angesichts der Tatsache, dass die DDR eine totalitäre linke Diktatur war, darf nicht vergessen werden, dass man nicht nur gegen den Rechtsextremismus, sondern auch gegen den gewaltbereiten Linksextremismus unsere Demokratie und Freiheit entschieden verteidigen muss, um Unheil zu verhindern. Das bedeutet, dass man nicht nur linke Meinungen, sondern auch demokratisch rechte und konservative Meinungen toleriert. Viele ehemalige DDR-Bürger werden das aus eigener Lebenserfahrung bestätigen. (Robert Schnörr, Mannheim

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/2HB7gCt