Leserbrief

Reine Wahrheit kann niemanden diskriminieren

Zum Debatten-Beitrag „Spaltet Sprache unsere Gesellschaft, Herr Stefanowitsch?“ vom 12. Mai:

Gleich im ersten Satz sagt der Sprachwissenschaftler, dass Frauen erst seit kurzem „als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft behandelt werden“. Sie werden also nur als solche behandelt, sind aber eigentlich gar keine? Dann vermischt Herr Stefanowitsch in bekannter Weise Genus und Sexus, unterscheidet nicht zwischen grammatischem und biologischem Geschlecht: der Kunde sei männlich, die Kundin weiblich. Das ist irreführend, also falsch!

Der Kunde ist zunächst nur grammatisch männlich. Das ist so wie bei der Staubsauger, der Salzstreuer, der Schraubenzieher, der Tisch. Beschwert sich etwa jemand, dass wir diese Dinge nicht auch ab und zu als Staubsaugerin, Salzstreuerin, Schraubenzieherin, Tischin bezeichnen? Das wäre Unsinn, außerdem gibt es genauso viele grammatisch weibliche und sächliche Wörter. Wir brauchen zur Tür keine männlichen und sächlichen Entsprechungen, zum Haus keine männlichen und weiblichen.

Der Kunde, der Lehrer, der Schüler, das sind grammatisch männliche Ausdrücke, die erst einmal mit dem biologischen Geschlecht der betreffenden Person nichts zu tun haben, genauso wie der Tisch kein biologisches Geschlecht hat, und ebenso wie die Person oder das Kind offenlässt, ob es sich um einen Mann oder eine Frau, einen Jungen oder ein Mädchen handelt.

Es ist falsch, zu behaupten, „der Lehrer“ bezeichne einen Mann, und Frauen seien nur „mitgemeint“. Tatsächlich bezeichnet „der Lehrer“ nur einen Beruf, damit sind Männer und Frauen in gleicher Weise „gemeint“.

Grammatisch männliche Wörter für Lebewesen (ausgenommen jene mit direkten Bezugnahmen wie „der Mann“) bezeichnen sowohl das biologisch männliche als auch das biologisch weibliche Geschlecht. Entsprechendes gilt auch für grammatisch weibliche oder sächliche Wörter (unter anderem die Person, das Mitglied). Die Endung „-in“ ist eine zusätzliche Kennzeichnungsmöglichkeit des biologisch weiblichen Geschlechts, wenn man dieses ausdrücklich hervorheben will.

Stefanowitsch fragt: „Zählt wissenschaftliche Wahrheit mehr als die Diskriminierungserfahrung einer Gruppe?“ Damit verhöhnt er sein eigenes Gebiet – nämlich die Sprachwissenschaft. Die reine Wahrheit kann niemanden diskriminieren. Wer jedoch wie Herr Stefanowitsch Halbwahrheiten verbreitet und einer bestimmten Gruppe einredet, sie werde durch seine Halbwahrheiten diskriminiert, der trägt tatsächlich erst zur Diskriminierung und darüber hinaus zur Sprachverhunzung bei!

Dass sogenanntes geschlechtergerechtes Formulieren das Verfassen und Verstehen von Texten erschwert, bezeichnet er als „Bauchgefühl“. Offenbar kennt er solche Texte nicht, wie diesen aus der Geschäftsordnung des Berliner Senats: „An den Sitzungen nehmen außer den Senatsmitgliedern regelmäßig der/die Chef/-in der Senatskanzlei, der/die Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund, der/die im Geschäftsbereich des Regierenden Bürgermeisters/der Regierenden Bürgermeisterin für Kultur zuständige Staatssekretär/-in, der/die Leiter/-in des Presse- und Informationsamtes und der/die für die Politische Koordination zuständige Abteilungsleiter/-in der Senatskanzlei sowie die von dem Regierenden Bürgermeister/von der Regierenden Bürgermeisterin bestimmten Schriftführer/-innen teil.“

Entschuldigung, aber wer versteht auf Anhieb dieses Kauderwelsch? Ham die se noch alle? So etwas tut der Herr Professor als Bauchgefühl ab? Allen Ernstes schlägt er für Bankkunden das Wort Kontoinhabende vor. Was ist dann ein einzelner Bankkunde? Ein Kontoinhabender oder eine Kontoinhabende? Meinte er damit gegenüber Kunde/Kundin etwas zu gewinnen?

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2rNaR4b