Leserbrief

Relevante Schlüsse aus Erfahrungen in der Krise ziehen

Zum Debattenbeitrag „Wie sieht die Arbeitswelt nach der Corona-Krise aus, Herr Rodenstock und Frau Sevsay-Tegehoff?“ vom 23. Mai:

Krisen haben uns Menschen zu allen Epochen als Katalysator gedient und Fragen hinsichtlich notwendiger Veränderungen aufgeworfen; so wird es nach dieser Pandemie ebenso sein. Wesentlich ist hierbei, ob wir relevante Schlüsse aus den Erfahrungen ziehen oder – wie es über Wochen leider allzu häufig sichtbar wurde, populistische Querdenker den Blick auf unsere Chance für Veränderungen verstellen.

Solche Mitmenschen schrecken vor dem Einsatz manipulativer Keulen nicht zurück – zum Nachteil Einzelner als auch der Gesamtheit unserer pluralistischen Gemeinschaft – und finden sich – leider – in allen Gesellschaftsschichten. Wie groß ist hier der Resonanzboden? Unsere eh komplexe Welt wird gleichwohl durch blitzgescheite Lösungen – für beinahe alles – bereichert, glauben wir! Doch die Corona-Krise hat den Homo-Sapiens an ganz neue Grenzen getrieben. Grenzen, bei denen sich unbekanntes Terrain offenbart, Viren, die sich selbst genügen, auf ihre Art autonom und souverän sind, uns in Schranken weisen, weil sie keine Fronten akzeptieren. Fatalerweise wollen das manche Erdenbewohner nicht wahrhaben, sie verfolgen unaufhörlich ihr narzisstisches Kalkül.

Die gesammelten Erfahrungen klug und systematisch zu analysieren, die jeweilige Evidenz auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und dies mit Mitmenschen plausibel zu kommunizieren, ist das Gebot der Stunde; temporäre Hektik wäre kein guter Ratgeber. Stattdessen sollten wir der Wissenschaft das nötige Vertrauen schenken, Heilsbringern und Verschwörungstheoretikern eine Absage erteilen.

Arbeit der Zukunft muss wertneutral definiert werden, vor betriebsamer Hektik sollten wir uns hüten. Umhin kommen werden wir nicht, Schwachstellen der Digitalisierung auszumerzen, was der Künstlichen Intelligenz (KI) künftig mehr Bedeutung beimessen wird – es ist unstrittig. Elementar wird sein, welche Fragen wir stellen und welche Antworten gefunden werden, damit der künftigen Gesellschaft die Affinität zu Arbeit und Leben nicht entgleitet. Mit Sensibilität und Augenmaß gilt es deshalb eine Balance zwischen KI und Geschöpf zu schaffen. Sonst besteht die Gefahr, dass die technisch-digitale Welt dem Menschen nicht mehr dient, die Machtlosigkeit die Algorithmen gewähren lässt.

Insofern ist es unabdingbar, dass der Wert der Arbeit nicht bloß neu, sondern vor allem differenziert beleuchtet wird. Ein Mäandern würde unabhängig einer Systemrelevanz die indizierte Ausgewogenheit aus dem Gleichgewicht bringen. In der Diffusität der Jetztzeit werden eh Umverteilungsprozesse sichtbar; der Staat wird es schon richten, scheint die Devise zu sein!

Ein Trugschluss, der manchen Dogmatikern zu passe kommen dürfte, aber nicht zielführend ist. Tabus darf es keine geben. Roman Herzog sagte einst in einem Antwortschreiben (als Bundespräsident): Versorgungsverträge für Beamte sind nicht mit denen der freien Wirtschaft vergleichbar! Der Splitter ist also längst da; wollen wir das Mehrklassensystem ausweiten und einen Keil in die Gesellschaft treiben?

Zur Arbeit der Zukunft gehört zwingend: Alle gesellschaftlichen Gruppen müssen in die Sozialversicherungssysteme eingebunden werden; nicht bloß Arbeitnehmer der freien Wirtschaft, nein auch Beamte, Selbstständige, Freiberufler und Politiker, um die Mittelschicht nicht weiter zu stigmatisieren. Was brauchen wir? Endgültig einen Paradigmenwechsel, hin zur ausgewogenen Finanzierung. Ohne diese adäquate Reform läuft die Gemeinschaft ins liberal-demokratische Abseits.

Nutzen wir die Chance und handeln – weniger egoistisch, mehr auf zwischenmenschlicher Augenhöhe; es würde zu Würde, Humanität und Ausgewogenheit beitragen und Populisten und Verschwörern die Stirn bieten.

Karl-Heinz Schmehr, Lampertheim

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