Leserbrief

Richtiges Schreiben beinhaltet Respekt

Zum Debattenbeitrag „Warum sollten wir alle richtig schreiben, Frau Kunkel-Razum?“ vom 10. März:

Es scheint ,in’ zu sein, Regeln den Regelbrechern anzupassen. Wir lernen lebenslang. Zwangsläufig, aus Freude und Wissbegierde. Die Vereinheitlichung der deutschen Sprache während der Kaiserzeit setzte Maßstäbe weit über Orthographisches hinaus und berücksichtigte eingedeutschtes griechisch-lateinisches Vokabular mit Einsprengseln romanischer und slawischer Herkunft sowie des Jiddischen. Diese Vielfalt hatte ihre Hochzeit bis in die 1960er Jahre.

Unsere Eltern schrieben und sprachen gemäß ihres Bildungsniveaus, vor allem aber von Herzen gerne blumig ausgeschmückt. Selbst in Wissenschafts- und Technikkorrespondenz dominierte häufig der Gesang, ein von Idiomen beeinflusstes Deutsch mit Anklängen französischer Literatur-Vorbilder. Wer das einzusetzen verstand, dem hörte man gerne zu, dessen Wort hatte Gewicht. Mit der Übereinkunft der neuen Rechtschreibung 2016 sollte wohl endlich dem Zeitgeist von Vereinfachung gemäß anglistisch-rudimentärem Wortschatz Rechnung getragen werden. Heraus kam ein Kuddelmuddel von Verstümmelungen und Eindeutschungen bis hin zur Lautschrift. Die Sprache der Angeln, Jüten und Sachsen wurde dereinst integriert ins Dänisch-Britannische.

Meine Altersgruppe benutzte Jugendjargon unter ihresgleichen, war aber sehr wohl der Hochsprache in Wort und Schrift wie des ortsüblichen Dialekts mächtig! Schauen wir in die Schulhefte unserer Enkel, packt uns das kalte Grausen. Dagegen sind unsere aufbewahrten Restexemplare schönste Kalligraphie! Ich für meinen Teil akzeptiere hinterherhechelnde Unterwerfung unter den jeweiligen Zeitgeist ebenso wenig wie die Missachtung von Knigge und Co. auf allen Gebieten des Miteinanders! Gemäß dieser Grundhaltung haben uns die Sprachexperten einen Bärendienst erwiesen! (Andreas Weng, Mannheim)

Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass sich diese Zeitung – zumindest mit dem Gastbeitrag von Frau Kunkel-Razum – mit dem Thema Rechtschreibung befasst. Tatsächlich beinhaltet richtiges Schreiben Respekt gegenüber dem Leser. Aber darüber hinaus erleichtert die Rechtschreibung auch die Verständlichkeit des Textes. Im Gegensatz dazu erschwert ein mit Rechtschreibfehlern behafteter Text das Verständnis. Oft muss man ihn sogar mehrfach lesen und sich fragen, was der Verfasser eigentlich sagen wollte. Das gilt hin und wieder auch für Artikel in Ihrer Zeitung.

Flut von Substantivierungen

Unschön ist dabei auch die anschwellende Flut von Substantivierungen. Da „kommt“ dieses oder jenes „zum Einsatz“, „zur Anwendung“ oder „zur Verwendung“ oder wird gar „zur Anzeige gebracht“. Wie wohltuend ist es dagegen, einen korrekt geschriebenen Text lesen zu dürfen! Der Erfolg eines Buches hängt nicht nur von seinem Inhalt ab, sondern auch davon, ob es mit Freude zu lesen ist. Dazu muss der Text verständlich sein, und dem Verfasser muss es gelingen, seine Schilderungen durch treffende Wortwahl und Sprachreichtum lebendig werden zu lassen. Es ist kaum anzunehmen, dass Goethe oder Schiller heute noch gelesen würden, wären ihre Texte voller Rechtschreibfehler. Sprache ist nicht nur unser wichtigstes Kommunikationsmittel, sondern auch Teil unserer Kultur. Wir sollten nicht nachlässig mit ihr umgehen. Dabei haben die Medien eine große Verantwortung. (Roswitha Henz-Best, Mannheim)

Vor dem „richtig schreiben“ kommt erst einmal richtig reden und sich vernünftig ausdrücken können. Es gibt heute Begriffe – Sammelbegriffe – mit denen man sich nur noch in Sprechblasen ausdrückt, anstatt sich der vielfältigen Ausdrucksweise der deutschen Sprache zu bedienen. Das sind zum Beispiel diese Begriffe: „nachvollziehen“ – „angesagt“ – „unterwegs sein“ – „realisieren“ – „absolvieren“ – „tätigen“ – „drauf haben“ – „agieren“ – „attackieren“ – „verinnerlichen“ – „powern“ – „thematisieren“ – „kontaktieren“ – „punkten“ und so weiter. Alle diese Ausdrücke haben etwas gemeinsam: Man wählt einen dieser Ausdrücke und hofft, dass sich der Gesprächspartner den treffenden Begriff aus diesem Sammelbegriff heraussucht; denn es gibt in allen diesen Fällen zahlreiche Möglichkeiten, sich mit Hilfe der breitgefächerten deutschen Sprache ganz präzise auszudrücken.

Natürlich kann man nicht erwarten, dass jeder ein Nachschlagewerk sinnverwandter Wörter oder „Das treffende Wort“ von Karl Peltzer im Bücherschrank stehen hat – und es auch benutzt. Aber die Formulier-Faulheit nimmt rasant zu. Es kommt hinzu: Die englische Sprache „wütet“ fürchterlich in der deutschen Umgangssprache. Wer heute kein Englisch spricht, versteht kein Deutsch mehr. Es scheint ganz einfach schick zu sein, zu chillen, zu grooven oder zu rocken.

Häufig werden Begriffe einfach umgedeutet. Ein Beispiel dazu: Was heute alles „genial“ sein soll, es ist einfach grauslich. Und es gibt immer häufiger die Verwechslung von Begriffen, zum Beispiel „sortieren“ mit „ordnen“ oder „organisieren“ oder „unklar“ mit „unbekannt“. Und der schlimmste aller schlimmen Fehler: weil, weil, weil obwohl es „denn“ heißen muss. Ganz schlimme Sprachpanscher tauchen jedes Wochenende bei Reportern von Fußball-Übertragungen auf. Was da für ein sprachlicher Unfug verbreitet wird... Dazu kommen Jugend-Begriffe wie „cool“ – „geil“ – „krass“ – „voll“ – „total“ – „echt“ – „heftig“ – „Hammer“! Sieht so die deutsche Sprache in der Zukunft aus? (Karl M. Dietzow, Schwetzingen)

Wie wichtig korrektes Schreiben ist, zeigt sich spätestens dann, wenn meinem zukünftigen Chef mein mit Fehlern überhäuftes Bewerbungsschreiben auf den Tisch flattert. Das landet nämlich sofort im Mülleimer. Somit wird aus meinem erdachten Traumberuf ein Alptraum. Daher sollte schon von Kindheit an auf ordentliche Rechtschreibung geachtet werden, um später keine Nachteile im weiteren Berufsleben zu erfahren. Der nachfolgende Text ist zwar genau das Gegenteil dessen, was fehlerfreies Schreiben ausmacht, dennoch ist er lesbar. Allerdings sollte diese Form von Rechtschreibung nicht als Vorbild dienen:

Gmäeß eneir Sutide eneir elgnihcesn Uvinisterät ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wrot snid, das ezniige was wcthiig ist, ist, dass der estre und der leztte Bstabchue an der ritihcegn Pstoiion snid. Der Rset knan ein ttoaelr Bsinöldn sien, tedztorm knan man ihn onhe Pemoblre lseen. Das ist so, wiel wir nciht jeedn Bstachuebn enzelin leesn, snderon das Wrot als gseatems. (Gunter Engert, Mannheim)

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2G5JETE