Leserbrief

Schnell – und ehrlich

Hintergründiges, die Nachricht fast in Echtzeit und Exklusives: Vier Leser haben die Arbeit der Redaktion begleitet – und die Herausforderungen des modernen Journalismus kennengelernt.

Nach vorn gebeugte Körper, neugierige Blicke und unzählige Fragen: Redakteur David Lee Schramm wird an seinem Schreibtisch umringt von vier Lesern dieser Zeitung. Schramm koordiniert an diesem Tag die Online-Berichterstattung auf dem Nachrichtenportal des „Mannheimer Morgen“, dem „morgenweb“. Der Online-Journalist hat gerade einen interessanten Bericht der Bundesstelle für Fluguntersuchung (BFU) auf einem seiner zwei Bildschirme. In der Nähe des Mannheimer Flughafens soll es im vergangenen September eine gefährliche Annäherung zweier Flugzeuge im Luftraum gegeben haben. Schramm recherchiert, schreibt und wenige Minuten später steht die Meldung bereits im Internet.

Ziel lautet Transparenz

Diese Zeitung hat mit Claudia Schwabe, Joachim König, Maximilian Alpers und Britta Gedanitz vier Leser für einen Tag in die Redaktion eingeladen. Die Mannheimer können den Journalisten bei der Arbeit genau über die Schulter schauen: Wie entsteht eine Nachricht? Welche Themen kommen ins Blatt? Wo kommen die Nachrichten aus aller Welt her? Wer sind die wichtigsten Informanten für den Reporter? Fragen rund um die Entstehung von journalistischen Artikeln gibt es ziemlich viele. „Den MM lese ich, seit ich Kind bin“, erinnert sich die 71-jährige Claudia Schwabe. Selbst im Urlaub verfolge sie die Nachrichten aus Mannheim über das „morgenweb“.

Dirk Lübke, Chefredakteur dieser Zeitung, freut sich über die treuen Leser. „Wir machen mit solchen Besuchen unsere Arbeit als Lokalzeitungs-Macher transparent.“ Das sei gerade in Zeiten des Populismus wichtiger denn je. Auch Maximilian Alpers greift die Debatte um journalistische Qualität auf: „Die wichtigste Aufgabe von Zeitung ist es, ehrlich zu berichten“, sagt der 67-Jährige, der gebürtig aus Braunschweig kommt, aber schon seit Jahrzehnten in der Metropolregion lebt. Der gelernte Drogist vertraut dabei der Kompetenz regionaler Tageszeitungen. „Manchmal wünsche ich mir noch mehr Debatten“, betont er. Während der Morgenkonferenz in der Redaktion wird schnell deutlich, was die Leser erwarten: Exklusive und hintergründige Nachrichten mit einem Bezug zu der Region, in der sie leben. Joachim König nennt die aktuelle Berichterstattung über den Verkauf des ehemaligen Militärgeländes Turley in Mannheim. „Ich verstehe nicht, warum die Stadt das Areal für sechs Millionen verkauft hat und es dann für 36 Millionen Euro von einem Privatinvestor weiterverkauft wurde“, sagt der 69 Jahre alte Mannheimer. Er freue sich, dass er von diesem Thema aus seiner Zeitung erfahren habe und hoffe auf eine kontroverse Diskussion in der Stadt.

Große Verantwortung

Chefredakteur Lübke erklärt den Ansatz seiner Redaktion: „Wir arbeiten besonders für unser Online-Angebot sehr temporeich. Gerade darin liegt eine besondere Verantwortung – unsere Nachrichten müssen trotz Schnelligkeit korrekt sein.“

Am späten Nachmittag heißt es dann: Blattabnahme. Alle Zeitungsseiten werden um 17 Uhr aufgehängt und noch einmal detailliert von den Redakteuren überprüft. Die Leser finden das Thema vom Vormittag wieder: Im Mannheimer Lokalteil steht die Geschichte über den Beinahe-Zusammenstoß der Flugzeuge. Damit auch die Leser der gedruckten Ausgabe umfassend informiert werden.

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