Leserbrief

Selber entscheiden über den Schleier

Zur Debatte „Ist das Kopftuch ein Produkt des Patriarchats, Herr Ourghi?“ vom 21. April:

Herr Ourghi stellt in seinem Gastbeitrag die Frage, ob „die Verschleierung der muslimischen Frauen eine religiöse Vorschrift oder ein historisches Produkt der männlichen Herrschaft“ sei. Er kommt dann zu dem Entschluss, dass „die muslimische Kopfbedeckung unislamisch sei und nirgends im Koran legitimiert“. Und weiter müssten sich die muslimischen Frauen aus dieser selbstauferlegten oder von anderen auferlegten Unmündigkeit befreien, indem sie das Kopftuch ablehnen.

„Eine Muslimin ohne Kopftuch, die sich um sich selbst kümmert und sich selbst Aufmerksamkeit schenkt, ist selbstverständlich auch in der Lage, andere zu beachten und zu respektieren.“ So sieht Herr Ourghi das. Seine Ansicht zum Thema Verschleierung hat mich dazu bewogen, meine ganz persönlichen Gründe darzulegen, weshalb ich vor vielen Jahren Muslima wurde und schließlich auch mich entschloss, Kopftuch zu tragen.

Ursprünglich Atheistin

Damals beschäftigte ich mich mit dem Islam einzig und allein aus dem Grund, meinen muslimischen Lebensgefährten zu überzeugen, dass Religion allgemein ein menschliches Produkt ist und zudem nicht mehr zeitgemäß. Ich selbst bezeichnete mich als Atheist und konnte überhaupt nicht nachvollziehen, wie ein intelligenter und gebildeter Mensch gläubig und ausgerechnet Muslim sein konnte. Also las ich alles zum Thema Islam, was mir in die Finger kam. Überrascht musste ich feststellen, dass vieles, was ich dem Islam zurechnete, einen kulturellen Ursprung hatte. Ich las den Koran auf Deutsch, studierte das Leben Muhammads. Und war berührt von seiner Menschlichkeit.

Ich begann, nachzudenken über die Dinge, die ich erfuhr. Es arbeitete in mir, es brachte etwas zum Klingen in mir. Und das, obwohl ich ursprünglich eine ganz andere Intension hatte, als ich mich mit dem Islam beschäftigte. Drei Monate später nahm ich den Islam an und sog weiter Wissen auf wie ein Schwamm. Langsam änderte sich mein Äußeres, die Kleidung wurde länger und weiter. Ohne dass mir das jemand sagte, das war allein ich. Es war einfach so, dass ich mich so wohler fühlte. Und dann verspürte ich zunehmend den Wunsch, mich zu bedecken, ein Kopftuch zu tragen. Dabei ging es nicht um Abgrenzung oder Ausgrenzung, weder zu den Nichtmuslimen, noch zu den Männern.

Sexy trotz Schleiers

Zum einen wollte ich natürlich als Muslima wahrgenommen werden, der Islam als Teil meiner Identität. Aber primär ging es mir darum, Gott näher zu kommen. Das Tragen eines Schleiers hat auch eine innere Dimension, nämlich sich stets gewahr zu sein, dass man immer vor seinem Schöpfer steht, für sein eigenes Handeln verantwortlich ist. Dass man demütig ist und bescheiden. Vor Gott, nicht vor den Männern! Es geht nicht nur darum, sich vor dem Mann zu verstecken, sexy kann man auch mit Schleier sein, wenn man denn will. (Hierin ähneln wir uns doch sehr den christlichen Ordensschwestern, wie ich finde.)

Unter den Muslimen gibt es schon länger die Kontroverse bezüglich des muslimischen Schleiers. Sowohl Befürworter als auch Ablehner begründen ihre Standpunkte eigentlich mit denselben Koranversen und Überlieferungen (Hadithe) des Propheten Muhammad, der sich explizit zu weiblichen Bedeckungsvorschriften äußerte (es gibt diese übrigens auch für den Mann). Es ist eine Interpretationssache, wie man persönlich diesen Sachverhalt einordnet, welcher Auffassung und Gelehrtenmeinung man eher zugeneigt ist.

So teile ich die Auffassung, dass der Schleier zum Islam gehört. Was aber nicht zum Islam gehört, ist der Zwang, ihn zu tragen. Eine muslimische Frau muss sich aus freien Stücken dafür entscheiden, nicht weil der Ehemann/Vater/Mutter oder sonst wer es so möchte. Es gibt keinen Zwang im Glauben! (Sure 2, Vers 256) Leider gibt es Muslime, die dies trotzdem erzwingen.

Ich möchte niemandem meine Überzeugungen aufdrängen, jeder soll handeln, wie er es für richtig erachtet. Meine Familie und ich zählen viele Nichtmuslime zu unseren Freunden. Und auch meine nichtmuslimische Familie geht völlig unbefangen damit um. Für sie sind wir und im Speziellen ich und mein Kopftuch normal und nichts Verächtliches. Unseren Kindern bringen wir einen friedlichen und toleranten Islam nahe, mit einem barmherzigen Gott, der seine Geschöpfe liebt. Denn nicht anders habe ich den Islam kennengelernt und interpretiert.

Frauen keinen Gefallen getan

Herr Ourghi hat mit seinen Ausführungen zum Thema Verschleierung vermutlich eine Art Befreiungsschlag für die muslimische Frau beabsichtigt. Nur leider hat er ihnen keinen Gefallen getan, im Gegenteil. Er hat den Druck auf sie durch die Gesellschaft erhöht. Wähnt diese sich doch nun im Recht, den Schleier abzulehnen und den Trägerinnen Unmündigkeit und Unvernunft zu attestieren.

Schön wäre es, endlich den Menschen unter diesem Stück Stoff wahrzunehmen. Und sie selber entscheiden lassen, wie sie sich anziehen und leben wollen. (Isabel Gürel, Mannheim)

Der Beitrag von Herrn Ourghi zur Unterdrückung der muslimischen Frau durch das Kopftuch-Diktat der Männer ist ein hervorragender, sachlicher Beitrag, welcher allen deutschen Politikern Anregung für Gespräche mit muslimischen Verbänden geben sollte. Die oft falsch verstandene Toleranz gegenüber den Kopftuch tragenden Frauen erhöht nur das Leid dieser von islamischen Männern unterdrückten Frauen. Stattdessen sollten muslimische Frauen von Politikern und Juristen Unterstützung in ihren Rechten nach Artikel 3 des Grundgesetzes („Männer und Frauen sind gleichberechtigt“) erhalten.

Erneuerung unterstützen

Da das Kopftuch bei muslimischen Frauen vom Koran nicht vorgeschrieben wird, kann somit der Artikel 4 Grundgesetz (Glaubens-und Bekenntnisfreiheit) von den Befürwortern des Kopftuches nicht herangezogen werden. Die Erneuerung und Aufklärung der islamischen Religion, welche auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau zum Ziel hätte, wäre allen muslimischen Frauen von Herzen zu wünschen. Die deutschen Politiker sollten gemeinsam mit den Islam-Verbänden diese Erneuerung tatkräftig unterstützen. Dies würde auch die Integration in Deutschland beschleunigen. Den muslimischen Schulmädchen sollte die Chance gegeben werden, am Sportunterricht teilzunehmen. Dies würde auch zum Selbstwertgefühl der muslimischen Frauen beitragen. (Kurt Krieger, Mannheim)

Uneingeschränkt ja. Auch wenn immer wieder versichert wird, das Tragen eines Kopftuches geschieht freiwillig. Es ist ein Symbol der weiblichen Unterdrückung, der Unmenschlichkeit, der Entmenschlichung der Mädchen und Frauen.

Ich hatte in meinem beruflichen Leben und auch sonst mit Moslems zu tun. Es gibt überhaupt keinen vernünftigen Grund für ein Kopftuch. Im Koran steht lediglich, dass eine Frau ihre Blöße bedecken soll. Nun ja, wir laufen ja auch nicht in Unterhosen auf der Straße herum. Bezogen nur auf das Kopftuch frage ich mich, was die Diskussion jetzt soll, dass schon Kindergartenkinder ein Kopftuch aufziehen müssen. Ich kannte auch viele Muslime – moderat, liberal und sehr nette liebe Menschen, aber eben auch die, die mehr werden. (Petra Stacha, Mannheim)

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2ro1b0W