Leserbrief

So bewerten Leser künstliche Intelligenz

Zum Debattenbeitrag "Was nützt uns die Künstliche Intelligenz, Herr Borth?" vom 4. November:

In dem Artikel von Herrn Damian Borth wurde hervorgehoben, "Künstliche Intelligenz kann langfristig zu einer positiven Entwicklung in der Wirtschaft führen."Das wird sicher richtig sein.

Ich vermisse aber bei den Bewertungen, welche Veränderungen der Gesellschaft durch den Einsatz der Künstlichen Intelligenz zu erwarten sind. Wenn ich heute schon das Nebeneinanderher, sei es zu Fuß, in den Bahnen und so weiter mit den Stöpseln im Ohr und den Smartphones in der Hand bei vielen Menschen sehe, befürchte ich eine weitere Zunahme der Abhängigkeit von der Technik beim steigenden Einsatz der Künstlichen Intelligenz.

Verloren geht dabei sicher Menschlichkeit, Gefühle, Liebe und Empathie. Ich befürchte, dass wir mehr Kälte im Miteinander der Menschen bekommen werden. Ich finde, dass ethische Werte, bei der sicher nicht zu stoppenden Entwicklung der Technik, nicht außer Acht gelassen werden dürfen. (Robert Koch, Wachenheim)

Die Dynamik, mit der die Digitalisierung der Welt und die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz Fahrt aufnimmt, ist durchaus beängstigend. Damian Borth, Direktor des Deep Learning Competence Center, meint dazu, dass die Menschen mitentscheiden sollen, wo der unkontrollierten Weiterentwicklung bestimmte Grenzen gesetzt werden müssten. Wenn ich anfangs erwähnt habe, dass die rasante Digitalisierung der Welt Befürchtungen auslöst, dann gilt das nur für Menschen, und zwar für jene Menschen, die annähernd verstehen, wie sich gerade die Hoheitsverhältnisse zwischen Mensch und Maschine zu verschieben beginnen. Die umfassenden Auswirkungen werden trotzdem alle Lebewesen zu tragen haben.

In den Diskursen kommt eine Sache zu kurz, und zwar die Art und Weise, nach der sich die menschliche Intelligenz weiterentwickeln müsste, um der Künstlichen Intelligenz in der Zukunft ein effektives Gegengewicht bieten zu können. Der Evolution der Maschine steht nämlich die Evolution des menschlichen Geistes gegenüber, wie sie für die Zusammenarbeit in Unternehmen immer wichtiger wird.

Interaktive Intelligenz gefragt

Doch sind nicht einmal alle entscheidenden Parameter klar und umfassende Konzepte lassen auf sich warten. Ich selbst forsche schon jahrelang in diese Richtung. Dabei sind sich viele nicht einmal der Notwendigkeit bewusst, nach der sich die menschliche Intelligenz weiterentwickeln müsste und sorgen sich nur um die mentalen Veränderungen, welche die Digitalisierung automatisch mit uns anstellen wird. Doch das ist hier nicht gemeint.

Je mehr sich die Maschinen vernetzen, desto dringlicher brauchen wir eine interaktiv vernetzte, menschliche Intelligenz, die nicht beim reinen Wissens- und Informationsaustausch stehenbleiben darf. Ich meine eine kommunikative und interaktive Intelligenz, die eine wesentlich komplexere gelingende Gemeinsamkeit hervorzubringen vermag, als wir das heute schaffen. Auch die relevanten Emotionen sind dabei zu beachten - sie sind ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg. Sonst sprächen wir weniger von Intelligenz als vielmehr von einem Kalkül, das sich vor allem günstig für die Maschinen und nicht für uns Menschen ausmachen wird, wie sich das ja heute bereits anzudeuten beginnt.

Herr Borth ruft zu einer Mitentscheidung über die Begrenzung von künstlicher Intelligenz auf. Gesucht wird eine Entscheidung von menschlicher Intelligenz. Welche Aspekte umfasst sie? Sollte man hier die Techniker, Physiker und Mathematiker raten lassen? Beachten diese dann zum Beispiel den Unterschied zwischen wählen und entscheiden? Letzten Endes wird es nicht auf einen Entscheidungsmoment hinauslaufen, sondern auf die permanente menschliche Hoheit über die Prozesssteuerung ankommen.

Wenn Mark Zuckerberg (Facebook) und Elon Musk (Tesla) miteinander diskutieren, die ja beide von der aktuellen Entwicklung massiv profitieren, darf man fragen, wie sehr unternehmerische Eigeninteressen, Eitelkeiten und Machtansprüche jede Argumentation beeinflussen können. Ist "Profit" überhaupt ein guter Parameter, wenn weltbewegende Themen immer dringlicher nach bedachten Lösungen verlangen?

Selbst Herr Borth, dem ich keineswegs zu nahe treten will, ist unternehmerisch eingebettet. So sehr seine Expertise gebraucht wird, so sehr bedarf es einer tiefgreifenden, interdisziplinären Auseinandersetzung. Philosophen, Ethiker, Theologen und Soziologen sollten auf visionärem und strategischem Niveau mit den Naturwissenschaftlern, Physikern und Mathematikern in Verbindung treten. Auch dabei darf man Bauchdrücken bekommen, denn es existiert immer noch eine enorme Kluft zwischen den Geistes- und den Naturwissenschaften. (Gabriel Fritsch, Mannheim)

Die "lieben Leserinnen und Leser" werden gefragt, was sie von diesem Beitrag halten. Meine Antwort ist: "Haben wir denn derart jeden Maßstab verloren, dass wir glauben, der Mensch müsse sich neuen Technologien anpassen, statt dass wir als Vorbedingung jeder neuen Technologie fordern, dass sie dem Menschen angepasst sein müsse?" (Hans A. Pestalozzi, 1929-2004, war schweizerischer Soziologe und Manager, Migros). (Christel Hund, Heddesheim)

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