Leserbrief

So denken Leser über das „Geistliche Wort“ der Pfarrerin

Zum Artikel „Pfarrerin entschuldigt sich für Formulierungen im ,Geistlichen Wort’“ vom 20. Februar:

Armut in einem reichen Land wie Deutschland sei ein Skandal, sagt Pfarrerin Sobottke. Und Reichtum sei nicht Belohnung für Leistung, sondern meistens geerbt oder „einfach Glück“. Ist das wahr?

Ganz bestimmt nicht, meinen die Herren von der IHK. Reichtum entsteht doch nur dadurch, dass fleißige Unternehmer unermüdlich Jahr für Jahr Tag und Nacht schuften. Und dafür müssen sie sich auch noch öffentlich kritisieren und kränken lassen! Ausgerechnet in einem „Geistlichen Wort“! Skandal!

Herr im Himmel! Haben Herr Sax und seine Kollegen vergessen, dass es in erster Linie die 50 oder 100 oder 1000 „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ in ihren Betrieben sind, die den Reichtum erarbeiten? Dass sie mit ihrer Arbeit die „Grundlagen für Wohlstand“ geschaffen haben? Dass sie das Geld erwirtschaften, das Unternehmen als „Arbeitgeberbeiträge“ an die sozialen Systeme zahlen? Dass sie erarbeiten, was manche Unternehmer großzügig für soziale oder kulturelle Zwecke spenden?

Wirtschaft und Politik hätten soziale Ungleichheit nicht nur zugelassen, sondern gewollt, schreibt Frau Sobottke. Stimmt das etwa nicht? Die große Zahl der Menschen mit 450-Euro-Jobs, mit befristeten Arbeitsverträgen oder in Leiharbeit, das Absenken des Lohnniveaus, das massenhafte Verlagern von Arbeitsplätzen in Niedriglohn-Regionen. Ist das alles wie eine Naturkatastrophe über uns gekommen? Selbstverständlich war das gewollt.

Inzwischen hat sogar die SPD verstanden (möglicherweise sogar Teile der CDU), dass die Politik der Agenda 21 eine Schande war und ist. Aber wenn eine Pfarrerin es öffentlich ausspricht – o Gott! Vor den Kopf gestoßen und tief gekränkt fühlen sich die, die das gewollt und durchgesetzt haben! Von einer „Sprengladung für unsere Gesellschaft“ spricht Herr Sax von der IHK. Da hat er recht. Aber die „Sprengladung“ besteht darin, dass die Verhältnisse so sind, und nicht darin, dass Frau Sobottke die Dinge beim Namen nennt.

Bernhard Schader, Mannheim

Ich benötige kein geistliches Wort, das Sätze der Heiligen Schrift herunter betet – ohne den Bezug zur heutigen Gesellschaft. Die Worte müssen wie Feuer sein und nicht wie eine Warmhalteplatte der bürgerlichen Bourgeoisie und deren religiös frömmelnder Behaglichkeit.

Man muss sich dafür auch nicht entschuldigen, denn wer deutlich redet und deutlich schreibt, der riskiert, verstanden zu werden. Wir brauchen solche Theologinnen und Theologen, die im gesellschaftlichen Kontext zu Hause sind und das auch deutlich sagen und schreiben.

Reinhard Siegel, Mannheim

Verstehe ich das richtig: Die Mitarbeiter des Fachbereichs Arbeit und Soziales der Stadt Mannheim fühlen sich „gekränkt“ und meinen „einen auf die Schnauze gekriegt zu haben“, weil Frau Sobottke der Ansicht ist, dass das System Hartz IV Menschen drangsaliert? Was ist denn so falsch daran, dies zu schreiben? Frau Sobottke hat doch mit keinem Wort gesagt, dass es die Hartz IV umsetzenden (Mannheimer) Behörden sind, die die Hilfsbedürftigen schlecht behandeln. Warum fühlen sich diese Mitarbeiter nun angegriffen? Weil ihnen dieses System selbst nicht gefällt, welches sie bei ihrer täglichen Arbeit vor Hilfsbedürftigen fortwährend verteidigen müssen? Dafür kann jedoch Frau Sobottke nichts.

Wenn ich im Übrigen bei jedem Artikel, in welchem mir die Meinung des Schreibenden nicht gefällt, vor Empörung an die Decke gehen würde, hätte ich viel zu tun. Ein bisschen Gelassenheit täte dem Einen oder Anderen in der Sache „Geistliches Wort“ jedenfalls gut.

Oliver Dosdall, Mannheim

Da hat Anfang des Jahres eine Mannheimer Pfarrerin ein etwas ungewöhnlicheres „Geistliches Wort“ geschrieben, ein mutiges und ein wichtiges sicher auch, dem nur eines fehlte: Ein gutes Stück mehr Ausführlichkeit, mehr Beispiele, mehr Begründungen – und dann wäre ein fundierter Diskussionsbeitrag für die Seite 3 oder die Wochenendausgabe daraus geworden.

Jetzt hat Ilka Sobottke ihre Äußerungen zwar nicht zurückgenommen, aber durch ihre umfangreichen Entschuldigungen so relativiert, dass man fast von einer Entwertung sprechen kann. Schade.

Schauen wir noch einmal hinein in ihr geistliches Wort, so findet sich dort nichts, was ein DGB-Gewerkschafter am ersten Mai oder bei einer gewerkschaftsinternen Konferenz, nichts, was ein Juso, vereinzelt vielleicht sogar ein mutiges SPD- oder Grünen-Mitglied, ein Linken-Anhänger sowieso, nicht auch in einer Polit-Talkshow sagen könnte.

Dass die soziale Schere seit Jahrzehnten immer weiter aufgeht, ist eine Binsenweisheit. Dass die soziale Ungleichheit nicht trauriges Ergebnis unseres Gesellschaftssystems, sondern gewollt ist, beweisen all jene, die nicht müde werden, Transferleistungen an „fördern und fordern“ zu koppeln und dabei bewusst übersehen, dass zum Beispiel bei Langzeitarbeitslosen, wenn sie zusätzlich dauerhaft erkranken, eben durch fordernden Druck keine Änderung erreicht wird.

Dass Kinder in diesem System die allergrößten Verlierer sind, weil ihr prekäres Leben ihre Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe deutlich verringert, eine gesellschaftliche Teilhabe, die aber von klein auf gelebt werden muss, soll später aus dem Kind ein selbstbewusster Vertreter unserer Demokratie werden, weiß die Forschung seit langem.

Was hat denn die Gemüter so erregt, dass es einer klärenden Gesprächsrunde bedurfte? Der „MM“-Artikel zitiert einen Mannheimer Unternehmer: „Ihr (Sobottkes) Duktus tut weh, das stößt Menschen vor den Kopf, die sich (…) engagieren.“ Aha. Es sind also nicht die Inhalte, die wehtun. Schließlich kann man auch schlecht etwas dagegen sagen, dass „Reichtum (…) nicht Belohnung für Leistung, sondern meistens geerbt und einfach Glück“ ist (O-Ton Sobottke), weil die gewaltigen vererbten Vermögen Fakt sind.

Es ist die Art und Weise, wie Sobottke spricht, ihre Direktheit, ihre Kompromisslosigkeit – ihr „Duktus“ eben, der stört. Das ist, wie wenn ein Paar sich übers Müllrausbringen streitet. Schnell geht es dann nicht mehr um den Müll, sondern um die Art und Weise, wie der jeweils andere darüber redet. Den Müll bringt das noch lange nicht in die Tonne.

Kai-Uwe Sax von der IHK will sich von diesem „verbale(n) Rundumschlag (…) gegen die Wirtschaft“ diffamiert gefühlt haben. Aber er, der selbst Unternehmer ist und „sich zudem sozial“ engagiert, reagiert mit einem alten Trick: Wo Sobottke Wirtschaft und Politik, ja unsere Gesellschaft allgemein angegriffen hat, bezieht Sax die Kritik auf sich persönlich und ist empört. Und er greift noch einmal in eine üble Trickkiste, wenn er Sobottke „linksradikales Gedankengut“ unterstellt (Motto: Wer etwas Böses über die Wirtschaft sagt, ist linksradikal) und von der „Sprengladung“ spricht, „die spaltet, statt zu vereinen“ (Motto: Wir sind doch alle eine Gemeinschaft, die Reichen, die Hartzer – nur manche schlechten Menschen versuchen uns zu spalten).

Es ist traurig zu sehen, dass die alten Vorwürfe und Metaphern immer noch da sind. Äußert Hermann Genz vom Fachbereich Arbeit und Soziales, seine Mitarbeiter seien gekränkt, weil Sobottke ihnen Drangsalierung der Hilfsbedürftigen unterstelle, so ist dies ein schönes Beispiel für einen Tunnelblick, der auf wenige sprachliche Reize reagiert und vergisst oder bewusst unterschlägt, dass Sobottke die Mitarbeiter in Mannheimer Behörden eben nicht direkt angegangen ist.

Joachim Wagner, Mannheim

Unsere Frau Sobottke hier in Mannheim. Ihr Name sei gewürdigt. Sie lebt Nächstenliebe hier auf Erden. Mit vielen vorbildlichen Helferinnen und Helfern gibt sie in der Vesperkirche wochenlang Bedürftigen ihr täglich Brot. Sie prangert Kinderarmut, Altersarmut, soziale Spannungen und Spaltungen in unserer Gesellschaft an. Und sie benennt Ursachen und Schuldige. Auch deswegen erhielt sie die Bloomaul-Ehrung. Sie sei behütet vor der Versuchung von Politikern und Unternehmern, sie mundtot zu machen.

Frau Sobottke bleibe soziales Gewissen in dieser Stadt. Denn auf sie kann Mannheim mit Hochachtung stolz sein. Möge sie allen Anfeindungen widerstehen und ihren aufrechten Gang bewahren. Damit sie ihren starken Einsatz für die Schwachen in Mannheim fortsetzen kann. Gott sei Dank, dass er der Mannheimer Bevölkerung diese mutige Pfarrerin gesandt hat!

Reinhard Ilbig, Mannheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2GLUwa0