Leserbrief

So denken Leser über Heimat

Zum Artikel "Heimat - alter Begriff macht erneut Karriere" vom 21. Oktober:

Heute, als Rentner ohne familiäre Bindung, nach dem Verlust der Partnerin und aller nächsten Verwandten, mit einem Bruder, der nunmehr in einer weit entfernten Ecke des Landes lebt, hat sich mein Heimatbegriff grundlegend verändert gegenüber der Zeit, als die Familie noch komplett war. Heimat ist jetzt die gleichbleibende entspannte Ruhe, die ich in der Natur finde und welche sich nicht mehr verändert egal, ob dies im Umfeld Mannheims, in der Rheinebene, oder meines Refugiums auf der Insel Sylt ist. Es sind vier gute, langjährige Freunde, man trifft sich gelegentlich. Und in besonderer Weise sind es auch Gerüche aus Kindheitstagen. Wenn diese merkwürdige Melange aus Wald und Wind und der Duft von Strohfeuern, in denen Schrebergärtner ihre Grünabfälle abbrennen, unvermittelt zusammen trifft, dann entsteht vor meinem inneren Auge: Heimat.  (Uwe Merkel, Mannheim)

Ich bin in Mannheim geboren und habe mit meinen Eltern und meiner jüngeren Schwester in R 3, gewohnt. Es muss 1943 oder 1944 gewesen sein, als das Haus bombardiert wurde, und wir ins Elsass evakuiert wurden. Mein Vater ist bald darauf verstorben. Der Ort hieß damals Altweier. Der Lehrer und ich waren die einzigen Deutsche in der Schule, es gab Kinder, die nur französisch gesprochen haben. Dann wurde meine Mutter krank und wir kamen zur Oma nach Mannheim-Käfertal. Am 31. Juli 1947 erlitt unsere Oma einen Hitzschlag und starb in der gleichen Nacht im Alter von 55 Jahren.

Ein Bruder meiner Mutter hat sie dann in Rohrbach in der Klinik besucht und es ihr mitgeteilt. Sie ist dann am 31. August 1947 im Alter von 32 Jahren verstorben. Wir waren dann erst mal ein Jahr lang im Altersheim, weil meine Mutter die Schwestern kannte, wo es uns eigentlich sehr gut ging. Meine Schwester hat immer etwas gekränkelt, sie war etwas schwach auf der Lunge. Wir waren damals öfters in einem Erholungsheim im Schwarzwald. Gegenüber von dem Erholungsheim war eine Pension später Hotelbetrieb mit 60 Betten. Im Jahr darauf sind wir dann in den Ferien dorthin gekommen.

Unter anderem war auch noch eine Hausangestellte da, die ebenfalls aus Mannheim war. Am Tag als ich den Bus kommen sah, ging ich in unser Zimmer und fing an zu packen. Das Mädchen hieß Maria L. Als sie mich packen sah, fing sie an zu lachen und sagte - ihr seid doch verkauft worden - ihr müsst jetzt immer und ewig hier bleiben. Ich erwiderte ihr Lachen und sagte, wenn ich groß bin, geh ich aber wieder heim.

Mannheim war für mich immer Heimat! Meine Schwester war dann mal an einem Wochenende bei einer Tante in der Bodenseegegend und hat bei einer Tanzveranstaltung ihren späteren Mann kennengelernt und ist dann dortgeblieben. Wenn ich manchmal auch nur zwei Tage fort bin - sobald ich den Wasserturm sehe, bin ich wieder zu Hause. (Maria Höhn, Mannheim)

So grundverschieden wir Menschen sind, so unterschiedlich wird auch jeder von uns den Begriff Heimat definieren. Ein Heimatgefühl und seine Bedeutung hat so viele Facetten - wichtig ist aber, dass wir einmal konkret darüber nachdenken, um es vielleicht in seiner Bedeutung für uns selbst zu empfinden.

Ich habe nach 1945 überaus prägende Jahre in Mannheim verbracht. In einem katholischen Kindergarten wurde mein Einzelkind-Dasein auf die Gemeinschaft vorbereitet. Ich durfte als Blumenstreukind die Fronleichnamsprozession erleben. "Das Sonntagskind" die Kinderbeilage Ihrer Zeitung war meine erste Zeitungslektüre. Volksschule und später dann Gymnasium haben mich schließlich zu einem gemäßigten Mannheimer Freigeist werden lassen, dessen emotionale Heimat sehr rasch dann das Nationaltheater wurde.

Es waren glückliche 23 Jahre damals, die in ihrem intensiven Erleben den Grundstein für eine konstante 40-jährige Berufspraxis in Bremen legten. Deshalb ist der Begriff Heimat heute noch immer für mich Mannheim. Die kurpfälzische Sprachmelodie, die Ursprünglichkeit und die Herzlichkeit der Mannheimer "Ureinwohner", empfängt mich schon am Hauptbahnhof und lässt oft ein ganz wehmütiges Gefühl zu "ich bin wieder daheim". Meine absolute Heimat ist und bleibt Mannheim mit allen Licht- und Schattenseiten. (Uta von Sohl, Nienburg)

Heimat ist, wo mein Heim, meine Familie und mein Lebensmittelpunkt sind. Oder, aus dem Urlaub zurück, sehe ich den Wasserturm. Dann weiß ich, jetzt bin ich daheim. (Ruth Richardt, Mannheim)

Heimat, das ist ein kleines Dörfchen Anischau zwischen Pilsen und Karlsbad, im Sudetenland (heute Tschechien) auf 512 Metern liegt es in einer Talsenke. Von der Anhöhe kann man den roten Zwiebelturm schon leuchten sehen. 1945, nach Kriegsende, mussten wir unsere Heimat verlassen, wir wurden fortgejagt. 30 Jahre danach erster Besuch - mein Herz hat bis zum Hals geschlagen, ich hielt den Atem an, als wir zum Dorf reinfuhren. Ich war wieder zu Hause. 50 Jahre danach durfte ich in mein Elternhaus. Durfte auch auf den Dachboden - Stufe für Stufe stieg ich hinauf, oben machte die Treppe einen Bogen. Auf einmal - die Treppe knarrte wie vor 50 Jahren, mein Herz schlägt heftig. Ich bin wieder Kind, das Kind von damals. Beim Runtergehen sehe ich auf dem Mauervorsprung unser Bügeleisen, wie es meine Mutter vor 50 Jahren hingestellt hat. Der neue Besitzer in Tschechien hat es mir geschenkt.

60 Jahre danach war es mir vergönnt, unsere Kirche wieder zu betreten. Ausgeraubt - alles fremd. Ich steige die Treppe zum Kirchturm hinauf, im Dunkeln ohne Handlauf, wie von Engelsflügel getragen. Gedacht habe ich in dem Moment gar nichts. Dort sehe ich an der Mauer unsere Kreuzwegbilder, staubig zum Teil das Glas zerschlagen. Lange waren sie verschollen. An der Grenze zu Polen hat man den Dieb gefasst und die kostbaren Originalbilder in unsere Kirche zurückgebracht. Das ist Anischau, meine Heimat - Heimat ist dort, wo meine Wiege stand. (Emma Form, Brühl)

Ich bin Jahrgang 1934, Feudenheimer in der dritten Generation und liebe diese meine Heimat. Heimat ist eines der höchsten Güter mit dem Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit; ein Ort, wo "man versteht und verstanden wird" (Jaspers); ein Ort, "wo man sich nicht erklären muss" (Herder). Zweitens: Heimat ist aber auch verbunden mit dem Gefühl der Vorläufigkeit, der Endlichkeit, mündend etwa in Heimatlosigkeit. Drittens: Aus dem Gefühl und dem Erleben der Vergänglichkeit alles Irdischen heraus wird Heimat schließlich zu einem Ort der Sehnsucht nach einem "Utopia", einer "ewigen Heimat" einem Ort der Unbeschwertheit, der Glückseligkeit. Dies brachte der romantische Dichter Novalis auf den Punkt mit den Worten: "Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause." (Walter Bauer, Mannheim)

Als gebürtiger Thüringer, Flüchtlingskind (1958), aufgewachsener und sozialisierter Alemanne des Markgräflerlandes, wurde ich 1982 Bürger von Neckarau und somit "Mannemer", wie mir das Neckarauer Urgestein Willi Härer erklärte. Mit dieser bunten Biografie definiert sich mein Heimatbegriff anders. Als aktives Mitglied der NaturFreunde Mannheim e.V. bin nicht allein auf "Regionales" festgelegt, sondern der Blick richtet sich auch auf unsere europäischen Nachbarn und Nachbarn anderer Kontinente.

Heimat ist dort, wo man gut leben kann. Wenn wir Menschen in einer bestimmten Region nicht mehr leben können, ziehen wir weg - wenn möglich! Gründe gibts viele: wüstenartiges Klima, bösartige politische Verhältnisse oder gar Krieg! Das wird restriktive Politik nicht ändern und schon gar keine Partei mit falschen Versprechungen. Es helfen nur gegenseitiges Verständnis, Hilfe vor Ort in den Ländern und Beseitigung dortiger Missstände. Heimat ist wichtig und kein Mensch verlässt sie grundlos! (Uwe Pohle, Mannheim)

Heimat hat für mich eng zu tun mit dem Vertrauten zu Hause, der eigenen Wohngegend, mit den Familienangehörigen und engen Freunden, mit denen man sich gut versteht und auf die man sich verlassen kann. Heimat kann sich aber auch auf Orte beziehen, an denen man mit anderen gemeinsame Interessen verfolgt, im Sport oder Musikverein. Gerade in einer globalisierten und individualisierten Welt, wo berufliche Veränderungen für viele Menschen Umzüge in andere Gegenden Deutschlands erforderlich machen, bedeutet das den Verlust der vertrauten Umgebung und der Heimat.

Die neue Gegend kann natürlich zur Heimat werden, aber das braucht Zeit. Große Bedeutung hat natürlich auch die Muttersprache. Das macht man sich oft erst bewusst, wenn man in fremden Ländern ist, die dortige Sprache nicht so gut kann und froh ist, jemanden zu treffen, der etwas Deutsch kann.

Bei Heimat denke ich auch an den heimischen Dialekt, also bei uns das Rheinpfälzische oder Kurpfälzische. Von daher haben wir sprachlich mehr mit den Mundarten von Rheinland Pfalz gemein als mit dem Schwäbischen und Alemannnischen, das ja in großen Teilen unseres Bundeslandes Baden Württemberg gesprochen wird.

Politisch historisch kann man nur hoffen, dass sich mit wachsender zeitlicher Distanz zum Zweiten Weltkrieg im vereinten Deutschland ein demokratisch geläuterter Patriotismus durchsetzt, der den Heimatbegriff und die Identität der Deutschen mit positiven gemeinsamen historischen Erfahrungen in Verbindung bringt, zum Beispiel der friedlichen Revolution in der DDR 1989 und der deutschen Wiedervereinigung 1990. (Robert Schnörr, Mannheim)

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